
«Traumberuf Fussballer» – ein Trug? Sportpsychologe und Mentalcoach ordnen ein
Nervosität, Angstzustände und Drohungen in den sozialen Medien. Das ist die Realität, der viele Profifussballer:innen ausgesetzt sind. Sportpsychologe Alain Meyer und Mentalcoach Steven Schüller sprechen darüber, was besser läuft als früher, wo noch Luft nach oben ist und wieso das Leben als Fussballprofi nicht den Grundbedürfnissen des Menschen entspricht.
Anfang des Jahres sprach Ronald Araújo vom FC Barcelona nach einer einmonatigen Auszeit offen über Angstzustände, die mehr als ein Jahr andauerten und schliesslich in einer Depression mündeten. Cedric Brunner, ehemaliger Brack Super League- und Bundesliga-Spieler, macht seit seinem Karriereende 2025 immer wieder publik, wie sehr er als Spieler unter dem Leistungsdruck gelitten hat. Es sind keine Einzelfälle. Immer mehr (Ex-)Profis sprechen über den enormen Druck, dem sie ausgesetzt sind, und die Konsequenzen, die daraus folgen. Ist der «Traumberuf Fussballer» ein Trug? Alain Meyer, unter anderem Sportpsychologe bei der Schweizer Frauen-Nati und dem FC St.Gallen 1879, und Mentalcoach Steven Schüller, der seit über zehn Jahren Olympioniken, Welt- und Europameister in ihrer jeweiligen Sportart betreut, ordnen ein.
Mentale Gesundheit im Schweizer Fussball
Immer mehr Vereine arbeiten mit Mentalcoaches und Sportpsychologen zusammen. Laut Alain Meyer wird in der Brack Super League hinsichtlich mentaler Gesundheit jedoch noch zu wenig gemacht. Die meisten Clubs seien zwar bemüht, in die psychische Betreuung der Spieler zu investieren, es gäbe aber noch viel Luft nach oben. Gerade in der Aufklärungsarbeit müsse noch einiges getan werden. Auch Steven Schüller findet, dass die Clubs der Thematik noch nicht die Aufmerksamkeit schenken, die sie verdient.
Wer sich öffnet gilt als schwach und schadet seiner Karriere
Zwar tut sich etwas, aber wirklich viel wird im Fussball nach wie vor nicht über mentale Gesundheit gesprochen. Steven Schüller bewertet die Situation folgendermassen: «Wir sind gesellschaftlich auf einem guten Weg. Die mentale Gesundheit findet immer mehr Gehör.» Dennoch seien wir noch nicht am Ziel. Schüller sieht die Gründe dafür einerseits darin, dass es in der Fussballwelt der Männer ein Zeichen von Schwäche sei, sich zu öffnen. Viele Männer hätten immer noch Schwierigkeiten, mit Emotionen umzugehen. Ausserdem vermutet Schüller, dass viele Spieler sich davor fürchten, auf der Bank zu sitzen, wenn sie sich öffnen und «Schwäche zeigen». Dass Offenheit als Schwäche wahrgenommen wird, ist für Meyer widersprüchlich. Für ihn bedeutet Stärke und Leistungsfähigkeit auch, sich verletzlich zu zeigen.
«Fussballprofis machen etwas sehr Schönes, das aber eigentlich nicht den Grundbedürfnissen des Menschen entspricht. Man ist ständig exponiert und muss immer liefern.»
– Alain Meyer
Ist der «Traumberuf Fussballer» gar nicht so traumhaft?
Cedric Brunner erzählte gegenüber SRF, er habe als Profi kaum ein Spiel geniessen können. Nur bei den wenigen Spielen, in denen es um nichts mehr ging, konnte er sorglos auflaufen. Wird der psychische Druck im Profifussball von Aussenstehenden oft unterschätzt? Alain Meyer ordnet Brunners Fall als ein «krasses Beispiel» ein. Dennoch erklärt er, dass man erstmal verstehen müsse, dass es eigentlich «nicht normal» sei, was diese Spieler leisten. «Ich würde mir mehr Sorgen machen, wenn jemand in ein volles Stadion läuft und nicht reagiert», so Meyer. Es sei völlig normal, dass das vegetative Nervensystem in solchen Momenten hochfährt. «Fussballprofis machen etwas sehr Schönes, das aber eigentlich nicht den Grundbedürfnissen des Menschen entspricht. Man ist ständig exponiert und muss immer liefern.» Das Problem dabei sei, dass viele Spieler keine Strategien kennen, um mit solchen Situationen umzugehen. Daher sei es wichtig, sich mit diesen Themen zu beschäftigen. «So wie man sich körperlich fit macht, kann man das auch mit dem Kopf machen. Hätte Brunner die nötigen Hilfsmittel bekommen, hätte er das Profileben vermutlich mehr geniessen können.»
Ähnlich stuft Steven Schüller die Situation ein. Er weiss aus eigener langjähriger Erfahrung, dass eine grosse Zahl der Profis mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hat, wie es der Zürcher während seiner Karriere tat. Es sei bedauerlich und schade, denn offenbar hatte er nicht den Schlüssel gefunden, um die Spiele geniessen zu können. Diesen gäbe es nämlich. Mit den richtigen Mitteln hätte er lernen können, mit diesem Druck umzugehen.
Nonchalance im Profifussball. Echte Unbeschwertheit oder reine Show?
Per Mertesacker, der 2014 mit Deutschland Weltmeister wurde, berichtete davon, wie er vor dem Anpfiff jeweils mit Brechreiz kämpfte und bereits Stunden vor dem Spiel darauf verzichtete, etwas zu essen. Und dann sind da Spieler wie Michael Olise oder Lamine Yamal, die auf und neben dem Platz stets unbeschwert wirken. Wird diese Nonchalance vorgetäuscht, oder verspüren diese jungen Ausnahmekönner tatsächlich keinen Druck? Meyer hat eine klare Antwort darauf: «Da passiert ganz bestimmt etwas mit ihnen. Ich habe in 18 Jahren noch nie einen Sportler getroffen, der mir gesagt hat, dass ihn das alles kalt lässt. Wir sind Menschen, das ist völlig normal. Je wichtiger uns etwas ist, desto mehr reagiert unser System. Ich würde nicht sagen, dass Olise oder Yamal etwas ‹überspielen›. Vielmehr haben sie kompetente Strategien erlernt – bewusst oder unbewusst –, um mit dem Druck umgehen zu können. Sie schaffen es, im Moment zu bleiben, ohne sich zu viele Gedanken zu machen.»
Schüller spricht in diesem Zusammenhang von «positivem Stress». Das bedeute, dass Olise und Yamal auf dem Platz die richtige Balance fänden. «Was vorher oder nachher mit ihnen geschieht, können wir aus der Ferne nicht beurteilen.»
Soziale Medien und Hass
In den sozialen Medien liest man immer wieder Hassnachrichten und Drohungen in den Kommentarspalten, bis hin zu Hetzkampagnen. Kann man das ignorieren, und wäre das überhaupt sinnvoll? «Nein», sagt Meyer. «Jeder Mensch hat das psychologische Grundbedürfnis, dass man wertgeschätzt wird und dazugehört. Solche Kommentare – da kann man erzählen, was man will – machen etwas mit einem. Social Media ist ein riesiger Belastungsfaktor für die mentale Gesundheit. Ignorieren kann man solche Kommentare nicht.» Meyer betont zudem, dass Social Media nicht einfach nur negativ sei, es habe durchaus positive Seiten. Daher sei es das Ziel, geeignete Strategien zu entwickeln und einen Umgang damit zu finden. «Oft schaue ich mit meinen Klienten an, was solche Kommentare bei ihnen auslösen. Ich versuche ihnen zu erklären, dass Fussballer einerseits ihre Rolle als Fussballer leben, andererseits aber Menschen sind. Diese Kommentare haben mit ihrer Rolle als Fussballer zu tun, nicht mit ihnen als Mensch.» Meyer arbeitet mit seinen Klienten oft mit einem Vergleich: «Stell dir vor, du läufst am Bahnhof vorbei und irgendein Typ mit einer Bierdose beleidigt dich. Was würdest du machen? Wie lange würdest du darüber nachdenken? Wahrscheinlich nicht besonders lange.» Bei Kommentaren auf Social Media falle diese Einordnung vielen Menschen jedoch schwerer. «Das Handy ist immer präsent, die Kommentare sind ständig verfügbar. Dadurch bekommen sie mehr Gewicht. Dabei ist es im Grunde oft das Gleiche wie ein betrunkener Fussballfan, der einem Spieler etwas zuruft. Der Spieler läuft weiter und vergisst sofort – und genau diese Haltung kann helfen, mit solchen Kommentaren umzugehen.»
Schüller teilt die Meinung, dass es unmöglich ist, solche Kommentare zu hundert Prozent auszublenden. Wichtig sei, dass man einen «klaren Fahrplan» habe, wie man die sozialen Medien nutze. Dies gelte insbesondere für Profisportler, die oft noch jüngere Menschen und daher vielleicht etwas anfälliger für Einflüsse oder Meinungen von aussen sind.
Halten Fussballprofis heute weniger aus?
«Gehen wir 20 Jahre zurück und schauen uns die Belastungssituation an: Damals gab es kein Social Media, der Druck von aussen war deutlich geringer und auch der Fussball war ein anderer. Deshalb muss heute viel mehr in die mentale Gesundheit investiert werden. Jeder Spieler, der sich öffnet und darüber spricht, trägt dazu bei, die Entwicklung in die richtige Richtung zu lenken. Es braucht sehr viel Stärke und Selbstvertrauen, sich zu öffnen. Umso wichtiger ist es, dass Profis ein Gefäss haben, wo sie nicht immer stark und perfekt sein müssen», so Meyer.
Der grösste Druck komme aber immer noch von uns selbst, meint Schüller. Dieser sei nicht grösser als früher. Von aussen sehe es anders aus. So habe die Medienwelt enorme Ausmasse angenommen, man könne sich nicht mehr so frei bewegen. Diesen Druck und das Gefühl, in einem «goldenen Käfig» gefangen zu sein, dürfe man nicht unterschätzen.
Warum Symptombehandlung nicht genügt
Alain Meyer schätzt es sehr, dass sich (Ex-)Profis vermehrt öffnen. Ein Problem sieht er allerdings darin, dass sie sich – oft unbewusst – dem Narrativ bedienen, dass die Sportpsychologie da sei, weil jemand ein Problem habe. Doch Meyers Arbeit beinhalte weit mehr als das. «Ich arbeite zum Beispiel nicht nur mit dem FC St.Gallen 1879, weil ein Spieler akut leidet, sondern weil wir Entwicklung anstossen wollen. Die Spieler sollen sensibilisiert werden und verstehen, wie sie gesund bleiben können.» Auf dem höchsten Level müsse man psychologisch gut ausgebildet sein. An der Körpersprache zu arbeiten, Self Talk zu betreiben und zu visualisieren, reiche nicht aus. «Meine Hauptaufgabe ist es, dass ein Spieler versteht, wie er funktioniert.»
Schüller veranschaulicht diesen ganzheitlichen Ansatz mit dem Eisbergmodell: Der sichtbare Teil des Eisbergs steht für das Bewusstsein – also für Gedanken, die wir aktiv wahrnehmen. Der weitaus grössere Teil unter der Wasseroberfläche symbolisiert das Unterbewusstsein, in dem Erfahrungen, Überzeugungen und emotionale Muster gespeichert sind. «Wenn wir mental erfolgreich arbeiten wollen, müssen wir die Wurzel des Problems anpacken, und diese ist in der Regel im Unterbewusstsein zu finden. Es reicht nicht, nur Symptombehandlung an der Oberfläche zu betreiben. Ansonsten verschenken wir extrem viel Potenzial.»
Prävention – bereits in den Jugendabteilungen
Sowohl Meyer als auch Schüller sprechen sich für Prävention aus. «In unserer westlichen Welt gibt es das Denkmuster, dass wir uns erst behandeln lassen müssen, wenn wir ein Problem haben. Physische Verletzungen werden – so gut es geht – präventiv vermieden. Wieso dann nicht auch mental? Prävention ist immer die beste Lösung. Je länger man wartet, desto mehr Gepäck schleppt man mit sich rum», argumentiert Meyer. Er betont ebenfalls, wie wichtig gerade Aufklärungsarbeit schon in jungen Jahren ist. Wenn man früh genug damit anfange, werde es vielleicht gar nicht erst zu einem Tabuthema.
«Bewusst in eine Welt einzutauchen, in der man nicht Fussballer ist, kann für die mentale Gesundheit sehr gut sein.»
– Alain Meyer
Ein Ausgleich abseits des Sports
2019 erhielt Francisco Rodriguez die Diagnose einer Depression und trat damit an die Öffentlichkeit. Der jüngste der drei Rodriguez-Brüder hat später das Töpfern für sich entdeckt. Gegenüber TeleZüri erklärte er, dass es ihm dabei helfe, zur Ruhe zu kommen. Solche Ausgleichsbereiche können sehr wichtig sein, erklärt Meyer. «Ich spreche immer von sogenannten ‹Gegenwelten›. Bewusst in eine Welt einzutauchen, in der man nicht Fussballer ist, kann für die mentale Gesundheit sehr gut sein. Viele Fussballer identifizieren sich extrem stark über ihren Beruf. Das ist auch in Ordnung, kann aber gefährlich werden. Gerade dann, wenn man eines Tages nicht mehr im Scheinwerferlicht steht und sich die Frage ‹Wer bin ich eigentlich?› stellt. Eine Gegenwelt zu schaffen – sei es, ein Instrument zu lernen, eine Familie zu gründen oder eben zu töpfern – kann extrem guttun. Das weiss man aus der Resilienzforschung. Dabei sage ich immer, man soll nicht zu viel darüber nachdenken, ob man das jetzt wirklich tun soll. Einfach ausprobieren.»
Der Mensch hinter dem Fussballer
Die Geschichten von Cedric Brunner, Francisco Rodriguez und co. zeigen: Fussballer zu sein bringt nicht nur Ruhm, Erfolg und Leidenschaft mit sich. Hinter ausverkauften Stadien, grossen Erfolgen und hohen Gehältern steckt eine Welt, die von enormem Druck und ständiger Bewertung geprägt ist.
Der Traum vom Profifussball muss kein Trug sein. Aber damit er langfristig ein Traum bleibt, darf der Mensch hinter dem Fussballer nicht vergessen gehen.

Alain Meyer ist Sportpsychologe und ehemaliger Profi-Fussballtorwart. Er betreut internationale Top-Athlet:innen wie Raphael Wicky, Cedric Itten und Sydney Schertenleib. Auf Mandatsbasis unterstützt er den FC St.Gallen 1879 und seit 2021 ist er als Sportpsychologe der Schweizer Frauen-Nationalmannschaft tätig.

Als ehemaliger Tennis-Bundesligaspieler in Deutschland weiss Steven Schüller um die mentalen Belastungen im Leistungssport. Seit über zehn Jahren betreut er Olympioniken, Weltmeister und Europameister in ihrer jeweiligen Sportart.
Quelle Titelbild: Microsoft Copilot (KI-generiert)
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Mein erstes Wort war "Ball" – und auch heute noch dreht sich in meinem Leben fast alles um Fussball. Wenn ich nicht gerade selbst auf dem Rasen stehe, schreibe ich hier über die neuesten Entwicklungen im Schweizer und internationalen Fussball und teile meine Gedanken rund um die Brack Super League. Doch meine Leidenschaft für das Schreiben geht darüber hinaus. Ob Sport, Gesellschaft oder Kultur – ich schreibe, weil Sprache für mich mehr ist als Mittel zum Zweck: Sie ist Werkzeug, Spielplatz und Zuhause zugleich.
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