
«Ich weiss, dass ich nichts weiss» – oder: Die Hands-Regel
Treffender könnte man die aktuellen Diskussionen rund um die Handspiel-Regel im Fussball nicht formulieren, als es Sokrates tat – auch wenn er dabei wohl nicht an das runde Leder dachte. Sein berühmter Satz könnte heute genauso gut aus dem Mund eines Schiedsrichterexperten stammen.
Niemand weiss mehr, was ein Handspiel ist. Wenigstens das wissen alle. Szenen, die auf den ersten Blick nach einem klaren Vergehen aussehen – ein Verteidiger mit der Hand irgendwo zwischen Körper und Seitenlinie –, werden plötzlich nicht abgepfiffen. Und dann gibt es Aktionen, bei denen man sich denkt: «Soll er sich die Arme auf den Rücken kleben?» Und trotzdem folgt der Pfiff.
Ich jedenfalls weiss, dass ich mittlerweile überhaupt nicht mehr weiss, was erlaubt ist und was nicht. Zum Glück (oder doch eher zum Pech?) bin ich damit nicht allein. Denn auch Expert:innen sind sich schon lange nicht mehr einig. So bewertet einer die gleiche Situation komplett anders als ein anderer. Die Hands-Regeln sorgen inzwischen für mehr Verwirrung als die Handlung eines Christopher-Nolan-Streifens.
Im Hands-Unterricht war der FCZ Kreide holen
Nicht nur die Zürcher, zugegeben. Doch im Klassiker zwischen dem FC Zürich und dem FC Basel vergangenen Samstag spielte sich genau eine solche Szene ab. Wenige Sekunden vor Ende der Nachspielzeit will Basels Harder den Ball ins Aus klären und trifft dabei den Arm seines Mitspielers Daniliuc. Schiedsrichter Kanagasingam zeigt sofort auf den Punkt. Dann schaltet sich der VAR ein. Kanagasingam schaut sich die Szene nochmals an und ändert seinen Entscheid: kein Elfmeter. Seine Begründung nach dem Spiel: Zuerst habe er gedacht, der Ball sei von einem Zürcher gekommen. Da der Ball aber von einem Mitspieler kam, der zu klären versuchte, sei das Handspiel gemäss Regelwerk nicht strafbar. Offenbar hat der Schiedsrichter also richtig entschieden. Doch FCZ-Trainer Koller war nach dem Spiel «ratlos». Er wusste scheinbar nichts von dieser Regel, und auch die Spieler des FC Zürich konnten den Entscheid nicht nachvollziehen.
Niemand scheint sich mehr einig zu sein
Natürlich wird es bei Hand- und Foulspielen immer Interpretationsspielraum geben. Jede Szene ist anders. Der Ball kommt aus einer anderen Richtung, der oder die Spieler:in bewegt sich anders, die Distanz ist unterschiedlich. Man wird deshalb nie jede Situation einfach in «schwarz» oder «weiss» einteilen können. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass die Grenze zwischen «richtig» und «falsch» mittlerweile selbst für die Regelkundigen immer mehr verschwimmt. Je nachdem, wen man fragt, bekommt man eine andere Erklärung. Expert:innen sehen dieselbe Szene unterschiedlich, Fans sowieso, und auch Kommentator:innen wissen nicht mehr, wie sie eine Situation beurteilen sollen.
Dazu kommt, dass die Auslegungen teilweise zwischen Wettbewerben und Verbänden variieren. UEFA, FIFA und nationale Ligen können Situationen unterschiedlich beurteilen. Deshalb lassen sich zum Beispiel Foul-Szenen aus der Champions League nicht direkt mit jenen an einer Weltmeisterschaft vergleichen, wie wir zuletzt an der lockeren Schiedsrichter-Linie an der WM 2026 gesehen haben.
Das macht grundsätzlich Sinn. Aber im Grossen und Ganzen sollte trotzdem klarer sein, welche Linie gilt.
...und wenn's tatsächlich mal eine klare Regel gibt, kennt sie niemand
Dass ich als Fan auf dem Sofa sitze und mich über eine Entscheidung empöre, darf passieren. Das gehört zum Fussball. Aber wie kann es sein, dass selbst Spieler und Trainer offenbar nichts von einer Regel wissen, die sie direkt betrifft? In der Szene zwischen dem FCZ und dem FCB gab es offenbar eine klare Regel. Eine Regel, die weder der Trainer noch die Spieler kannten. Ob sie gut ist, sei mal dahingestellt. Aber wenn es eine solche Regel gibt, sollten die Menschen, die Woche für Woche professionell Fussball spielen, sie zumindest kennen.
Müsste die Liga mehr tun, um solche Regeln und deren Auslegung zu kommunizieren? Oder haben es die Vereine verschlafen, ihre Spieler und Trainer aufzuklären?
Schiedsrichterentscheidungen werden immer zu Diskussionen führen. Zweifellos. Aber so, wie es momentan läuft, kann es nicht weiter gehen. Wenn wir schon den VAR haben, dann müssen erstens alle Beteiligten klarer darüber informiert werden, welche Regeln und Auslegungen gelten. Und zweitens braucht es eine deutlichere, nachvollziehbarere Linie – im besten Fall über Ländergrenzen und Verbände hinweg.
Sokrates wusste wenigstens, dass er nichts weiss. Im Fussball wissen alle alles, nur nicht dasselbe.
Quelle Titelbild: Freshfocus/SFL
Marketing Manager Editorial Content
Mein erstes Wort war "Ball" – und auch heute noch dreht sich in meinem Leben fast alles um Fussball. Wenn ich nicht gerade selbst auf dem Rasen stehe, schreibe ich hier über die neuesten Entwicklungen im Schweizer und internationalen Fussball und teile meine Gedanken rund um die Brack Super League. Doch meine Leidenschaft für das Schreiben geht darüber hinaus. Ob Sport, Gesellschaft oder Kultur – ich schreibe, weil Sprache für mich mehr ist als Mittel zum Zweck: Sie ist Werkzeug, Spielplatz und Zuhause zugleich.
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