
Der heimelige Charme von «Cozy Games»
Neben actiongeladenen Shootern, nervenzerreissenden Horror-Games, kompetitiven Rennformaten und taktischen Strategiespielen ist, besonders in den letzten Jahren, ein weiteres Genre aufgeblüht. «Cozy Games» haben sich ihren Platz im Sturm erobert. Nicht, indem sie wetteiferten – sondern in einem gemütlichen Spaziergang durch den Park.
Es ist Winter. Für viele kehrt mit dem Abend die ersehnte Ruhe ein. Nach einem langen Arbeitstag schlüpfen sie unter ihre kuschelige Decke und schlürfen an einer dampfenden Tasse Tee. Manche von ihnen schlagen ein gutes Buch auf, andere schauen einen herzerwärmenden Film, und wieder andere lassen den Tag mit einem Spiel ausklingen. Nicht aber mit Mario Kart. Nicht mit GTA. Nicht mit League of Legends und ebenso wenig mit Call of Duty. Nein, denn für heute haben sie genug Kämpfe ausgetragen. Jetzt ist Entschleunigung angesagt, und zwar mit einem gemütlichen Titel wie Animal Crossing: New Horizons.
Die sogenannten «Cozy Games» erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Doch was genau zeichnet dieses inoffizielle Genre aus – und weshalb trifft es den Nerv der Zeit?
«Cozy Games» als das Kaminfeuer der Spielewelt
Der Name bringt es auf den Punkt: Gemütlich muss es sein, entspannend, frei von spürbarem Leistungsdruck. Während viele Genres auf regelmässige Adrenalinschübe und dauerhafte Anspannung setzen, bilden «Cozy Games» den wohltuenden Gegenpol. Statt Reaktionszeiten in Millisekunden einzufordern oder Fehler mit gnadenlosen Konsequenzen zu bestrafen, laden sie zum Verweilen ein. Gespielt wird im eigenen Tempo, Patzer sind geradezu bedeutungslos. Eine einladende, meist warme Ästhetik trifft auf ruhige, harmonische Musik. Die Devise: Der Puls soll runter, nicht hoch.
Gefragter denn je; vom Suchbegriff zum Genre
Der Begriff «Cozy Games» hat im Laufe der letzten fünf Jahre ordentlich an Fahrt aufgenommen. Ein kurzer Blick auf Google Trends verrät, dass der Trend Anfang 2021 erstmals in Schwung gekommen ist und seither steil an Bedeutung gewinnt. Während «Cozy Games» 2016 nicht mehr als ein Suchbegriff für gemütliche Spiele war, hat er sich über die letzten Jahre hinweg zu einem eigenständigen Genre mit grosser Anhängerschaft entwickelt. Besonders gefragt sind «Cozy Games» im Winter, wie kleine Gipfel auf der Grafik zeigen – und vergangenen Dezember erreichte der Trend seinen neuen Höhepunkt.
Dieselbe Entwicklung spiegelt sich auf SteamDB; einer Statistikseite, die detaillierte Einblicke in die Datenbank der Vertriebsplattform Steam bietet. Während 2020 noch 19 «Cozy Games» auf Steam veröffentlich wurden, legten die vier Folgejahre mit 651 Spielen nach. Allein schon letztes Jahr konnten sich 585 weitere Veröffentlichungen in den Katalog einreihen. Mit der Nachfrage stieg auch das Angebot, und so kam es, dass Steam aktuell 2'056 Treffer auf den Tag «gemütlich» listet. Ein deutliches Indiz dafür, dass es sich bei der Cozy-Bewegung längst nicht mehr um ein einfaches Nischenphänomen handelt.
«Cozy Games» als Begrifflichkeit findet ihren Ursprung höchstwahrscheinlich in einer Online-Community, die nach einem Gefühl statt einem Genre suchte. Aus dem Gefühl wurde ein Label, das sich wie ein Lauffeuer verbreitete, wobei Nachfrage und Angebot in dieselbe Richtung drückten. Bald schon galt «Cozy Games» als verbreitetes Genre; nicht im klassischen Sinne, sondern in der Form einer Bewegung.
Ein Trend, fussend auf dem Bedürfnis nach Sicherheit
Wer den Aufschwung zeitlich genauer unter die Lupe nimmt, wird unweigerlich feststellen: Der Boom setzte inmitten der Pandemie ein. Es wäre allerdings gewagt zu behaupten, dass die Pandemie den Trend entfacht hätte. Gemeinsam mit dem Release von Animal Crossing: New Horizons im März 2020 – einem Spiel, das weltweiten kommerziellen Erfolg feiert – wirkte sie jedoch als entscheidender Beschleuniger. Die eigentliche Triebfeder des Trends liegt vor allem im wachsenden Bedürfnis nach emotionaler Entlastung und einem Gefühl von Sicherheit.
Eine Studie aus dem Jahr 2025 hat 60'000 englischsprachige und chinesische Bewertungen zu entspannenden Spielen auf der Plattform Steam analysiert. Ziel der Studie war es, herauszufinden, welche Gefühle Spielerinnen und Spieler äussern und wie sich diese auf ihr Spielverhalten auswirken. Die Ergebnisse zeigen, dass emotionale Entlastung mit 62.8 % das häufigste genannte Gefühl war. (Xing et al., 2025)
«Cozy Games» als Wohlfühlort
«Cozy Games» bieten Entschleunigung in einer Welt, die sich immer schneller dreht. Der Trend ist weniger ein kurzfristiges Pandemiephänomen, sondern Ausdruck eines nachhaltigen Bedürfnisses. Mit ruhigem Gameplay, ansprechender Ästhetik und emotionaler Zugänglichkeit spüren sie den Puls der Gegenwart, in dem viele nach Trost und Verlässlichkeit suchen. Beflügelt durch die Pandemie und einem ikonischen Titel hat sich aus einem Gefühl eine Bewegung entwickelt – eine digitale Komfortzone, an der Spielende zur Ruhe kommen, durchatmen und für einen Moment die Welt draussen lassen können.
Heute sind «Cozy Games» ein geschätztes Community-Genre, das verschiedene gemütliche, oft auch nostalgische Spiele wie Harvest Moon, Sims, Stardew Valley, Tiny Glade und Animal Crossing unter einem Dach vereint.
Quelle Titelbild: Unsplash | Alexandr Sadkov
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