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Peaky Blinders: Wer ist Thomas Shelby?

03.03.2026

Zielgerichtet schreitet er durch den russgeschwärzten Nebel von Birmingham. Flammen schlagen aus den Schmiedehallen und Feuerschächten der Fabriken, Funken rieseln wie glühende Schneeflocken auf ihn herab. Thomas Shelby. Heiss diskutiert, abermals zitiert – doch wer ist er eigentlich, der berüchtigte Kopf der Peaky Blinders?

Bald kehrt er wieder zu uns zurück: «Tommy» Shelby, der ikonische Antiheld aus der Serie «Peaky Blinders». Der Film «Peaky Blinders: The Immortal Man» reiht sich per 20. März exklusiv in den Katalog von Netflix ein und setzt seine Geschichte fort. Die vorangehende Serie war ein absoluter Erfolg, nicht zuletzt dank ihrer dichten Atmosphäre und der schauspielerischen Glanzleitung der Darsteller.

Wie bei vielen erfolgreichen Filmen und Serien sind es auch hier die komplexen Figuren, welche die Handlung vorantreiben. Der Protagonist, Thomas Shelby, hält die Zügel fest in der Hand – und er prescht vorwärts wie kaum ein anderer. Doch was ist es, womit er die Zuschauer:innen so sehr in seinen Bann zieht? Was macht ihn als Figur aus?

Aus aktuellem Anlass nehmen wir «Tommy» Shelby genauer unter die Lupe.



Eine Fassade von Kontrolle und Kalkül

Wer Thomas Shelby gegenübersteht, blickt in ein Gesicht, das selten Regung zeigt. Seine Augen zeugen von einem wachen, berechnenden Geist, untermauert von harten Zügen. Er bringt jeden Raum unter seine Kontrolle, schafft es stets, das Blatt zu wenden. Aus Verhängnissen schlägt er Vorteile. Er ist analytisch, manipulativ, konsequent, zielstrebig und dabei schonungs- und rücksichtslos. Ein Gangsterleader, Unternehmer, Politiker. Mit seinem scharfen Verstand und seinem Sinn für Geschäfte führt er seine Familie in den Wohlstand. Nicht jedoch ohne eine Blutspur zurückzulassen. Eine Spur, die ihm immer teurer zu stehen kommt.

«I think, Arthur. That's what I do. I think. So that you don't have to.» – Tommy zu seinem Bruder Arthur.

Thomas Shelby wurde zu einer Person, deren Ruf ihr vorauseilt. Seine bestimmte, überlegene Art und sein Charisma haben im Internet grosse Wellen geschlagen. Doch ob sich diese unerschütterliche Fassade im Einklang mit seinem eigentlichen Wesen befindet, steht auf einem anderen Blatt geschrieben.

Gefangen im Schützengraben der Erinnerungen

«The man I loved couldn't speak when he got back, not one word», vertraut Jessie Eden ihm an. Daraufhin antwortet Thomas: «I've said very few true words since.»

Seine Zeit als Tunnelbauer in Frankreich hat Thomas Shelby nachhaltig geprägt. Immer wieder lassen Dialoge und Szenen erkennen, wie sehr der Krieg ihn gezeichnet und verändert hat – nicht allein durch das Trauma, das ihm nachhängt, sondern auch durch die Desillusion. Seine Tante Polly hebt zu Beginn der Serie hervor, er habe früher viel gelacht und ursprünglich mit Pferden arbeiten wollen. Seine Vorliebe für Pferde und die Natur kommt immer wieder zur Geltung, der Weg zurück scheint jedoch versperrt.

In einem Interview erklärt der Drehbuchautor Steven Knight: «Tommy doesn’t know what he wants, since the War. If anything, what he wants is to go back to being the person he was before the War.» Nichtsdestotrotz sucht er immer wieder das Schlachtfeld auf. Nicht in Frankreich, sondern in Birmingham.



Der Krieg zwischen Herz und Verstand

«You have your mother's common sense, but your father's devilment. I see them fighting. Let your mother win.» – Tante Polly zu Tommy.

Er verübt zahlreiche Gräueltaten; Mord ist mehr Regel als Ausnahme. Und doch bleibt er keine eindimensionale Figur. Trotz aller Brutalität und seines kühlen, strategischen Verstands haftet ihm etwas zutiefst Menschliches an: Ein Gewissen, das ihn nicht loslässt. Thomas bewegt sich stets am Rand eines Abgrunds, sowohl politisch als auch moralisch und emotional. Je höher er äusserlich aufsteigt, desto tiefer scheint er innerlich zu fallen. Sein Aufstieg ist kein Triumphzug, sondern ein permanenter Balanceakt zwischen Kontrolle und Selbstzerstörung, der sich immer weiter zuspitzt. Hinzu kommen extrinsische Faktoren: Der Verlust seiner grossen Liebe, der Tod von Familienmitgliedern und Freunden, seine zerrüttete Restfamilie sowie vertraute Personen, die sich gegen ihn wenden. Zunehmende Isolation.

Das macht Thomas Shelby zu einem Charakter, der von Kontrasten lebt. Kontrolle und Verletzlichkeit, Vertrauen und Misstrauen, Gewalttätigkeit und Barmherzigkeit. In ihm tobt stets ein Krieg. Auch äusserlich spiegeln sich Gegensätze: Er arbeitet sich bis in die höchsten Kreise der Gesellschaft empor, bewegt sich unter Politikern und Industriellen – und bleibt doch im Selbstverständnis ein Mann aus der Arbeiterklasse. Er führt seine Familie an, könnte sich jedoch nicht stärker von ihr unterscheiden. Allem voran von seinen impulsiven Brüdern und seiner gutherzigen Schwester.

Der moralische Kodex

«For them, family is a weakness, and they go after them. For me, family is my strength.» – Tommy zu seinem Bruder Arthur.

Trotz all seiner Taten bewegt sich Thomas Shelby weniger im tiefschwarzen als vielmehr im dunkelgrauen Bereich. Das liegt nicht allein an seiner Vergangenheit oder inneren Zerrissenheit, sondern an dem moralischen Rahmen, den er sich selbst setzt: Familie über alles. In der Serie kämpft er gemeinsam mit seiner Familie gegen eine Welt, die ihnen nie gut gesinnt war. Er versucht Leitern aufzusteigen, die ihrer Klasse bewusst vorenthalten werden, um anschliessend gegen das Klassensystem an sich anzukämpfen. Dabei nutzt er Mittel, die häufig illegal und moralisch verwerflich sind. Diese Taten können weder verteidigt noch entschuldigt werden. Sie folgen jedoch einer klaren inneren Logik und seinen persönlichen Werten, was ihn als Figur greifbar und vielschichtig werden lässt – dadurch, dass er nicht prinzipienlos erscheint.

Ein gelungener Antiheld

Thomas Shelby ist kein «Held» im klassischen Sinne. Er ist brutal und berechnend, zugleich zerrissen und von inneren Dämonen verfolgt. Sein Aufstieg ist untrennbar mit Verlust, Schuld und Selbstzerstörung verbunden. Diese vielschichtige Ambivalenz macht ihn zu einem der eindrücklichsten Antihelden der Seriengeschichte. Dass er dabei eine solche Wucht und Tiefe entfaltet, ist nicht zuletzt Cillian Murphy zu verdanken, der ihn mit stiller Intensität und meisterhafter Präzision verkörpert.

 

Quelle Titelbild: Sora AI

Duygu Özdemir

Marketing Manager Editorial Content

Wenn ich mal nicht gerade damit beschäftigt bin, meiner literarisch-kreativen Ader freien Lauf zu lassen, stecke ich höchstwahrscheinlich in einem Netflix-Marathon fest («Nur noch eine Folge!»), unterhalte ich mich angeregt über die verschiedensten Themen, lese ein gutes Buch oder fordere mich selbst mit einem neuen Hobby heraus. Meine Wissbegierde kennt keine Grenzen, und hier habe ich die Möglichkeit, sie auszuleben und mit anderen zu teilen.

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