
Comfort Binge: Warum wir Serien immer wieder schauen
Dank Netflix und Co. ist eine fast unendliche Auswahl an Filmen und Serien nur ein kurzer Klick entfernt – zumindest theoretisch. In der Praxis scrollen wir meist kurz durch die Startseite, nehmen uns fest vor, endlich etwas Neues zu beginnen und landen dann doch wieder bei der Serie, deren Dialoge wir schon fast im Schlaf können.
Ich kenne das nur zu gut. Als sich dieses Jahr die Blätter wieder herbstlich färbten und sich das Leben nach drinnen verschob, machte auch ich es mir auf dem Sofa bequem. Obwohl die Startseite voll war mit gehypten Neuheiten und preisgekrönten Geheimtipps, landete ich trotzdem wieder bei Gilmore Girls. Nach einem langen Arbeitstag gibt es kaum etwas Entspannenderes, als wenn die vertraute Titelmelodie erklingt und mich ins gemütliche Städtchen Stars Hollow mitnimmt.
Das Rezept für eine perfekte Comfort Binge-Serie
Gilmore Girls ist da ein Paradebeispiel. Eine Serie, die gute Laune macht und uns mit Figuren begleitet, die sich fast wie Freundinnen anfühlen. Das ist genau die Mischung, nach der sich viele sehnen, wenn sie einfach runterfahren wollen.
Typische Comfort-Binge-Titel stammen häufig aus dem Comedy- oder Dramedy-Bereich und kommen in angenehm kurzen Folgen daher. Episodisches Erzählen sorgt zusätzlich dafür, dass jede Folge für sich funktioniert – ideal um zwischendrin ein- und wieder auszusteigen. Friends, Brooklyn Nine-Nine oder The Office sind perfekte Beispiele dafür. Die Figuren sind sympathisch, die Handlung vorhersehbar genug, um nicht zu stressen, aber charmant genug, dass wir dranbleiben. Kurz gesagt genau das, was wir nach einem langen Tag zum Abschalten brauchen.
Was wir kennen, beruhigt uns
Die Psychologin Franziska Kaschub sieht genau darin einen der Hauptgründe für Comfort-Binging. Bei Serien, die wir kennen und lieben, gibt es keine Überraschungen oder emotionalen Achterbahnfahrten. Besonders in stressigen Phasen kann das beruhigend wirken.
Während uns bei neuen Serien, Spannung und Neugier zum Weiterschauen antreibt, geht es bei der vertrauten Serie vielmehr um Ruhe und Entspannung. In unsicheren Zeiten ist das verständlich. Wenn der Leistungsdruck steigt, der Alltag stresst und die Weltlage Sorgen bereitet, greifen viele intuitiv zu Altbewährtem.
Der Weg des geringsten Widerstands
Ein weiterer Grund für Comfort Binge folgt einem einfachen menschlichen Muster: Wir wählen meist den Weg, der am wenigsten Energie kostet. Psychologie-Professor Robert Kraft beschreibt dies als grundlegende Überlebenstaktik, die sich auch im Alltag beobachten lässt. Da nehmen wir gerne die Abkürzung durchs Gras statt des längeren Wegs um die Ecke. Vor dem Fernseher funktioniert das ganz ähnlich: Wir greifen zu dem, was vertraut ist und mit wenig Aufwand verbunden ist.
Hinzu kommt, dass uns zu viele Auswahlmöglichkeiten eher überfordern, als dass sie uns glücklich machen. Je mehr Optionen wir haben, desto unzufriedener sind wir mit unserer Wahl – der Psychologe Barry Schwartz bezeichnet dies als Auswahlparadox.
Nach einem langen Tag fällt man also aufs Sofa, weiss genau, dass man weder Lust auf langes Suchen noch die Energie für eine neue Serie hat und schaut dann stattdessen fünf Folgen der Lieblingsserie. Vertrautheit macht es uns leicht: Einschalten, zurücklehnen und berieseln lassen. Manchmal dient die Serie auch nur als Hintergrundbegleitung, die uns unterhält, ohne uns zu fordern.
Die Kraft der Nostalgie
Oft sind es Serien aus unserer Kindheit und Jugend, die wir besonders gerne immer wieder schauen. Sie versetzen uns in eine Zeit zurück, die im Rückblick oft leichter und unbeschwerter wirkt. Ähnlich wie uns bestimmte Lieder sofort in eine bestimmte Lebensphase zurückbringen, können auch Serien dieses Gefühl wecken. Spannend ist dabei, wie sich unser Blick beim erneuten Schauen verändert; wir entwickeln uns weiter und so wirken auch Figuren plötzlich anders oder Handlungen bekommen neue Nuancen.
Dabei geht es nicht nur um Erinnerungen, sondern auch um Stimmungen. Manche Titel passen einfach perfekt zu einer Jahreszeit oder Lebensphase. In der Adventszeit greifen viele zu Weihnachtsfilmen – oder im Herbst eben zu Gilmore Girls.
Wenn Figuren zu Freund:innen werden
Je öfter wir eine Serie schauen, desto vertrauter sind uns die Figuren darin. Mit der Zeit können sie sich fast wie nahestehende Personen anfühlen. Dieser Effekt ist als parasoziale Beziehung bekannt. Die Psychologen Donald Horton und R. Richard Wohl beschrieben dieses Phänomen schon 1956, als Fernsehen noch ganz neu war. Menschen entwickelten eine Illusion von Nähe zu den Figuren, obwohl sie sie nur über den Bildschirm kannten. Und auch heute noch wählen wir als Comfort Binge vor allem Serien, bei denen wir uns gut mit den Charakteren identifizieren können.
Ein kleines bisschen Seelenfutter
Wie du siehst, gibt es verschiedene Gründe, warum wir immer wieder zu den gleichen Serien greifen. Der wohl einfachste davon: Weil's einfach Spass macht. Was uns schon beim ersten Mal begeistert hat, funktioniert auch beim fünften Serienmarathon noch immer. Comfort Binge ist wie Comfort Food: Vielleicht nicht spektakulär, aber wohltuend fürs Gemüt.
Auch bei uns in der Redaktion haben fast alle eine persönliche Comfort-Binge-Serie – von Klassikern wie Friends, Gossip Girl oder The Office über Suits und Dr. House bis hin zu eher düsteren Titeln wie Breaking Bad oder Blacklist. Vieles davon hast du bestimmt längst gesehen, aber vielleicht ist auch etwas Neues dabei, das zu deinem nächsten Comfort-Binge-Favorit werden könnte.
Quelle Titelbild: Unsplash | Jovan Vasiljević
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Ich liebe es, in andere Welten einzutauchen, sei es durch spannende Geschichten, mit Reisen in ferne Länder und Kulturen oder in meinem eigenen kleinen Garten – ich bin immer auf Entdeckungsreise. Und wenn es Zeit wird, die Seele baumeln zu lassen, findet ihr mich auf der Yogamatte oder mit einem guten Buch in der Hand.
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