
Von wegen langweilig: Eine Liebeserklärung an die Brack Super League
Viele jammern immer noch über das vergleichsweise tiefe Niveau der Brack Super League. Wieso ich früher mitgejammert habe und weshalb ich es heute nicht mehr tue.
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Nein, die Liga ist nicht plötzlich weltklasse geworden. Vielmehr fällt sie im UEFA-Ranking weiter zurück. Trotzdem schaue ich mir die Spiele gerne an. Weil ich gemerkt habe, dass spannender und unterhaltsamer Fussball nicht zwingend Weltklassefussball sein muss. Und dass sich eine Prise Chaos mit einer Bratwurst in der Hand im Stadion nicht nur ertragen, sondern richtiggehend geniessen lässt.
Netflix kann einpacken
Wer am vergangenen Wochenende die Brack Super League verfolgt hat, brauchte kein Streaming-Abo. Es fielen 29 Tore in sechs Spielen, also fast fünf pro Partie. Lausanne-Sport führte beim 130-jährigen Jubiläum gegen den FC Thun nach 62 Minuten mit 4:1 und verlor noch mit 4:5. Das Siegtor fiel in der 96. Minute. Der FCZ, der laut vielen Experten nichts in den Top 6 zu suchen hat, gewann in Bern mit 5:3 und bescherte dem BSC Young Boys die erste Saisonniederlage. Wer sich da nicht unterhalten fühlte, dem kann auch Netflix nicht mehr helfen.
Schützenfest statt Catenaccio
Das vergangene Wochenende war kein Ausrutscher. In der laufenden Saison fallen durchschnittlich 3,87 Tore pro Spiel. Dieser Wert wäre Rekord in der Geschichte der Super League und ist aktuell der höchste aller Top-20-Ligen Europas.
Spricht das gegen die Qualität der Abwehrreihen? Möglich. Mich freut's trotzdem. Catenaccio hört sich schön an und weckt nostalgische Bilder von Fussball auf Röhrenfernsehern und Kreide auf der Taktiktafel. Neunzig Minuten zuschauen möchte ich ihm allerdings nicht.
Den Bus parkieren und mit einem Konter das 1:0 erzielen: Das scheint auch international immer weniger gefragt zu sein. Stattdessen wollen die Teams offensiven Fussball spielen, mit hohem, intensivem Pressing und nach dem Motto «Wenn der Gegner drei Tore schiesst, machen wir eben vier». Dass hinten gelegentlich die Ordnung verloren geht, gehört dabei zum Geschäft. Die Verteidiger dürfte das weniger freuen. Auf der Tribüne wird das naturgemäss etwas entspannter gesehen.
Ein schönes Beispiel dafür ist der FC Vaduz. Als Aufsteiger hätten sich die Liechtensteiner auch erst einmal hinten einigeln können. Stattdessen spielen sie von Beginn weg mit. Mutig, manchmal etwas naiv, aber selten langweilig. In zwölf Spielen erzielten Marc Schneiders Jungs bisher 24 Tore, nur eines weniger als die Dritt- und Viertplatzierten, der FC Sion und der FC Zürich.
Die Stars von morgen
Natürlich kann die Brack Super League nicht mit der Premier League oder anderen Top-Ligen mithalten. Weder finanziell noch spielerisch. Aber muss das wirklich der Massstab sein? Wer Woche für Woche Weltstars sehen will, ist hier falsch. Wer die Stars von morgen sehen will, dagegen genau richtig. Und zwar aus nächster Nähe und für einen Bruchteil dessen, was ein Ticket in London kostet. Wer heute im Stadion steht, kann in ein paar Jahren sagen: «Den habe ich schon live gesehen, als ihn noch kaum jemand kannte.»
Alvyn Sanches, Samuel Essende oder Winsley Boteli sind Namen, wegen denen man auch hierzulande gerne ein Ticket löst. Vielleicht gerade, weil man ahnt, dass sie nicht ewig bleiben werden.
Die unbequeme Wahrheit
Eine Liebeserklärung darf nicht zur Schönfärberei werden. Die internationalen Probleme sind real. In der UEFA-Fünfjahreswertung ist die Schweiz von Rang 11 im Jahr 2015 mittlerweile auf Platz 16 abgerutscht. Das ist kein gutes Zeichen für den Schweizer Fussball.
Der Koeffizient misst allerdings vor allem, wie gut die Schweizer Vertreter im Europacup abschneiden. Oft gegen Gegner mit einem Vielfachen des eigenen Budgets und nicht selten zu einem Zeitpunkt, an dem die besten Spieler bereits verkauft worden sind.
Das relativiert die Zahlen, macht sie aber nicht bedeutungslos. Die Schweiz muss international konkurrenzfähig bleiben. Nur sollte man daraus nicht automatisch schliessen, dass die heimische Liga keinen Unterhaltungswert hat.
Rien ne va plus
Was die Super League hingegen auszeichnet: Wie beim Glücksspiel weiss niemand, was als Nächstes passiert. Ein Aufsteiger gewinnt die Liga, der Rekordmeister spielt Jahr für Jahr gegen den Abstieg, ein bereits abgeschriebener Stürmer zerbombt die Konkurrenz. Und plötzlich fährt der totgeglaubte FCZ nach Bern und schiesst Titelfavorit YB fünf Tore ein.
Die Super League ist nicht perfekt, nicht besonders glamourös und manchmal ziemlich chaotisch. Dafür ist sie unberechenbar und gerade dadurch unterhaltsam.
Ich habe jedenfalls aufgehört, bei jedem Fehlpass das Niveau der Liga zu beklagen. Dafür ist mir ein 5:4-Comeback in der 96. Minute inzwischen schlicht zu schade.
Gewinnspiel
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Quelle Titelbild: Freshfocus/SFL
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Mein erstes Wort war "Ball", und auch heute noch dreht sich in meinem Leben fast alles um Fussball. Wenn ich nicht gerade selbst auf dem Rasen stehe, schreibe ich hier über die neuesten Entwicklungen im Schweizer und internationalen Fussball und teile meine Gedanken rund um die Brack Super League. Doch meine Leidenschaft für das Schreiben geht darüber hinaus. Ob Sport, Gesellschaft oder Kultur: Ich schreibe, weil Sprache für mich mehr ist als Mittel zum Zweck. Sie ist Werkzeug, Spielplatz und Zuhause zugleich.
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