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Macht Lippenbalsam süchtig?

Einmal aufgetragen, fünf Minuten später schon wieder trockene Lippen? Wer ständig zum Lippenbalsam greift, fragt sich irgendwann: Ist das noch Pflege oder brauche ich langsam einen Entzug?

Ich besitze ungefähr 50 Lippenbalsame. Einer liegt bestimmt irgendwo in einer Handtasche, drei in einer Schublade und mindestens fünf sind auf mysteriöse Weise verschwunden. Trotzdem habe ich natürlich nie einen dabei, wenn ich ihn brauche.

Und wenn ich endlich einen finde, wird nachgecremt, als gäbe es kein Morgen.

Langsam frage ich mich: Ist das noch Lippenpflege oder bin ich die Beauty-Version der Menschen, die ohne Nasenspray nicht mehr aus dem Haus gehen?

Lippenpflege-Sucht: Mythos oder medizinisches Problem?

Die kurze Antwort: Nein, gewöhnlicher Lippenbalsam macht nicht körperlich abhängig.

Unsere Lippen verlernen durch häufiges Eincremen nicht, sich selbst zu versorgen. Auch einen körperlichen Entzug müssen wir nicht befürchten, wenn der Lieblingspflegestift plötzlich unauffindbar ist.  

Was allerdings passieren kann: Das Nachcremen wird zur Gewohnheit. Wir mögen das geschmeidige Gefühl, greifen irgendwann automatisch zum Lippenbalsam und empfinden unsere Lippen ohne diese zusätzliche Schicht schneller als unangenehm trocken. Das ist eher ein erlerntes Verhalten als eine körperliche Sucht.

Und was ist mit Nasenspray? Da sieht die Sache tatsächlich anders aus. Abschwellende Nasensprays können bei längerer Anwendung einen sogenannten Rebound-Effekt auslösen: Sobald die Wirkung nachlässt, schwillt die Nasenschleimhaut erneut an. Also wird wieder gesprüht.  

Bei gewöhnlichem Lippenbalsam gibt es diesen Mechanismus nicht. Meine Lippen sind also keine Nasenspray-Nase. Immerhin eine gute Nachricht.

Trotz Lippenbalsam trockene Lippen? Daran kann's liegen

Jetzt wird es etwas unangenehm. Denn vielleicht ist nicht mein Lippenbalsam-Konsum das Problem, sondern der Lippenbalsam selbst.

Unsere Lippen haben eine besonders dünne Schutzschicht und kaum Talgdrüsen. Deshalb verlieren sie leichter Feuchtigkeit und reagieren empfindlich auf Kälte, trockene Heizungsluft oder häufiges Ablecken. Dazu kommt, dass manche Lippenpflegeprodukte Inhaltsstoffe enthalten, die sich zwar angenehm anfühlen, empfindliche Lippen aber zusätzlich reizen können.

Menthol beispielsweise sorgt für ein kühlendes Gefühl. Intensive Aromastoffe machen aus einem Pflegestift ein kleines Dessert. Bei bereits gereizten Lippen können solche Zusätze allerdings kontraproduktiv sein.

Die Lippen spannen, wir cremen nach, sie spannen wieder. Ein Teufelskreis mit Erdbeergeschmack. 

Diese Inhaltsstoffe mögen deine Lippen gar nicht

Ich liebe Beauty-Produkte, die gut riechen, hübsch aussehen und idealerweise noch nach etwas schmecken. Meine Lippen sind da möglicherweise weniger anspruchsvoll.

Wer häufig trockene, rissige oder empfindliche Lippen hat, sollte bei folgenden Inhaltsstoffen genauer hinschauen:

  • Menthol und Kampfer: Sorgen für einen kühlenden Effekt, können gereizte Lippen aber zusätzlich belasten.
  • Duft- und Aromastoffe: Besonders Minze, Zimt oder Zitrusaromen können Irritationen auslösen.
  • Salicylsäure: Wirkt exfolierend und ist bei bereits geschädigten Lippen oft keine gute Idee.
  • Phenol: Kann die empfindliche Lippenhaut reizen.

Natürlich reagiert nicht jeder Mensch gleich. Wenn ein Produkt für dich funktioniert, musst du es nicht allein wegen eines Duftstoffs entsorgen. Brennen, Stechen oder Kribbeln solltest du allerdings nicht als Beweis dafür verstehen, dass die Pflege besonders gut wirkt.

Wir sind hier nicht beim Sport. «No pain, no gain» gilt nicht für Lippen.

Was trockene Lippen wirklich brauchen

Die ernüchternde Antwort für alle, die gerne neue Beauty-Produkte kaufen: Manchmal ist weniger tatsächlich mehr. Statt möglichst vieler Inhaltsstoffe braucht trockene Lippenhaut vor allem Schutz vor Feuchtigkeitsverlust.

Besonders sinnvoll sind:

  • Vaseline (Petrolatum): Bildet eine schützende Schicht und reduziert den Feuchtigkeitsverlust.
  • Ceramide: Unterstützen die natürliche Hautbarriere.
  • Sheabutter: Macht spröde Lippen geschmeidiger.
  • Dimethicone: Kann die Lippenoberfläche schützen und glätten.

Bei empfindlichen Lippen ist eine einfache, parfumfreie Pflege häufig die beste Wahl.

Und jetzt kommt eine Information, die mein inneres Marketingopfer persönlich angreift: Eine schlichte Dose Vaseline kann genauso sinnvoll sein wie ein luxuriöses Lip-Treatment für 35 Franken.

Muss ich deshalb aufhören, hübsche Lippenpflege zu kaufen? Darüber reden wir ein anderes Mal.

Drei Angewohnheiten, die deine Lippen hassen

Leider sind es nicht immer die Produkte. Manchmal sabotieren wir unsere Lippen ganz ohne fremde Hilfe.

1. Ständig über die Lippen lecken

Fühlt sich kurz gut an, trocknet sie aber häufig noch stärker aus. Speichel verdunstet schnell und kann die empfindliche Haut zusätzlich reizen.

2. Hautschüppchen abziehen

Da hängt ein winziges Stück Haut. Man zieht daran. Plötzlich blutet die Lippe. Wer auch immer dieses Spiel erfunden hat: Es gibt keine Gewinner.

3. Sonnenschutz vergessen

Auch Lippen können Sonnenbrand bekommen. Bei Aufenthalten im Freien ist deshalb ein Lippenbalsam mit mindestens LSF 30 sinnvoll. Ja, auch im Winter. UV-Strahlung macht schliesslich keine Ferien.

Wie viel Lippenpflege ist zu viel?

So oft wie nötig. Es gibt keine feste Anzahl, ab der Lippenbalsam plötzlich schädlich wird.

Wer trockene Lippen hat, darf selbstverständlich mehrmals täglich nachcremen. Besonders vor dem Schlafengehen oder bei kaltem Wetter kann das sinnvoll sein.

Wenn die Lippen allerdings ständig spannen, brennen oder trotz Pflege nicht besser werden, lohnt sich ein genauerer Blick. Vielleicht liegt es am Produkt. Vielleicht an einer Angewohnheit. Oder möglicherweise steckt eine Kontaktallergie oder eine andere Hauterkrankung dahinter.

Bleiben die Beschwerden über zwei bis drei Wochen bestehen, sollte man sie dermatologisch abklären lassen.

Entwarnung für alle Lippenbalsam-Junkies

Nein, ich brauche keinen Lippenbalsam-Entzug. Häufiges Nachcremen ist meist eine Gewohnheit oder ein Zeichen dafür, dass die Lippen zusätzliche Pflege brauchen.

Ich muss meine Sammlung also nicht entsorgen. Vielleicht sollte ich allerdings einmal überprüfen, was ich mir da eigentlich täglich auf die Lippen schmiere.

Und eventuell wäre es auch sinnvoll, einen meiner ungefähr 50 Lippenbalsame tatsächlich in der Handtasche zu lassen.

Wobei: Bei meiner bisherigen Erfolgsquote kaufe ich vermutlich lieber noch einen. Sicherheitshalber.

Tamara Lenz

Marketing Manager Editorial Content

Beauty, Trends und kreative Inhalte haben mich schon immer begeistert – früher mit dem Traum, irgendwann mal Prinzessin zu werden, heute mit der Leidenschaft für Texte, die sich jung, spannend und nicht nach Standard anfühlen. Wenn ich nicht gerade schreibe oder auf TikTok im nächsten Trend-Rabbit-Hole verschwinde, findet man mich wahrscheinlich im Gym, irgendwo am See in der Sonne oder gedanklich schon auf der nächsten Reise. Und sobald ich am Meer bin, verliere ich sowieso komplett jedes Zeitgefühl.

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