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Doomscrolling: Warum wir hängen bleiben und wie du dir deine Zeit zurückholst

09.12.2025

Beim Scrollen vergeht die Zeit oft schneller, als wir merken. Ein stiller Zeitspalt öffnet sich, sobald wir «nur kurz» reinschauen – und ehe wir uns versehen, stecken wir tiefer im Doomscrolling, als uns lieb ist. Genau dann stellt sich die Frage: Was hättest du in dieser verlorenen Zeit machen können, wenn du sie bewusst genutzt hättest?

Was ist Doomscrolling?

Als Doomscrolling bezeichnet man das oft länger als beabsichtigt andauernde, beinahe unbewusste Durchscrollen von Feeds – vor allem dann, wenn man sich in eine Folge aus negativen oder belastenden Nachrichten hineinzieht.

Die kontinuierliche Flut neuer Inhalte liefert dem Gehirn ständig frische Reize und hält es in einem Zustand oberflächlicher Aufmerksamkeit. Forschende zeigen, dass dieses Muster die mentale Belastung erhöht und es schwieriger macht, die eigene Aufmerksamkeit bewusst zu steuern – besonders abends, wenn die Konzentration ohnehin sinkt. 

Warum der Sog so stark ist

Soziale Plattformen sind so aufgebaut, dass wir länger auf ihnen verweilen, als wir eigentlich möchten. Der Feed endet nicht, Inhalte laden ohne Pause nach und Videos starten automatisch weiter. Kaum etwas lädt zum Innehalten ein – und genau deshalb scrollen wir immer weiter.

Studien zeigen, wie wirksam dieses Prinzip ist: Der sogenannte Infinite Scroll verlängert die Verweildauer deutlich, oft ohne dass wir es bewusst merken. Gleichzeitig sorgt jeder Clip für einen kleinen Belohnungsimpuls. Dieser ist nicht stark, aber ausreichend, um den nächsten Wisch zu rechtfertigen. Mit der Zeit wird unsere Aufmerksamkeit flacher, die Inhalte verschwimmen ineinander und das Scrollen läuft fast automatisch weiter. Genau hier zeigt sich ein Effekt, den man Popcorn Brain nennt. Die Aufmerksamkeit springt schnell zwischen Reizen hin und her. Je dichter diese Abfolge wird, desto schwieriger wird es, den Fokus wieder zu bündeln.

Was im Gehirn passiert, wenn wir unendlich scrollen

Beim Scrollen durch Kurzvideos gerät das Gehirn in einen schnellen Reizrhythmus. Forschungen zeigen, dass sich die Aufmerksamkeit danach oft schwerer stabilisieren lässt: Sie reagiert impulsiver, wechselt schneller zwischen Eindrücken und wird insgesamt störanfälliger. Gleichzeitig fällt es schwerer, nach dem Scrollen wieder eine höhere Konzentration zu erreichen – selbst dann, wenn man sich eigentlich ausruhen oder sich auf eine Aufgabe fokussieren möchte. Das konstante Reiztempo sorgt also dafür, dass die Aufmerksamkeit unruhiger wird und schneller zerfällt.

Wer tiefer eintauchen möchte, findet im Beitrag meiner Kollegin spannende Hintergründe dazu, wie Social Media unsere Konzentration beeinflusst und warum Multitasking eine Illusion ist.

Handy vor dem Schlafengehen – wie viel Abstand tut gut?

Eigentlich sollte der Übergang vom Tag in den Abend dem Gehirn erlauben, langsam herunterzufahren. Bildschirme wirken diesem Prozess jedoch entgegen, da sie wach halten statt zu beruhigen. Forschungsergebnisse zeigen, dass die Smartphone-Nutzung am späten Abend das Abschalten erschwert und den natürlichen Übergang in den Schlaf stört. Es kann deshalb besonders hilfreich sein, das Handy rechtzeitig zur Seite zu legen. Schon eine Pause von rund 30 Minuten vor dem Schlafengehen wird häufig als spürbare Entlastung beschrieben. Viele Menschen schlafen schneller ein und erleben den Abend als ruhiger und weniger überfüllt. Längere Pausen von etwa 45 oder 60 Minuten können als Orientierung dienen, sind aber kein Muss. Entscheidend ist weniger die exakte Dauer, sondern das bewusste Abschalten. Bei vielen reicht schon ein Abstand von einer halben Stunde aus, um den Kopf frei zu bekommen – und zeigt, wie viel Raum entsteht, wenn diese Zeit nicht im Feed verschwindet.

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So kann eine ruhige Abendroutine aussehen: ein Buch, eine Decke, kein Bildschirm. Quelle: Adobe Stock| 80067015

 

Die Minuten, die dir entgehen

Jetzt kommt der Teil, der ein bisschen weh tut. Die Zeit, die beim Scrollen einfach verschwunden ist, wäre nämlich oft erstaunlich wertvoll gewesen. Sie hätte locker für kleine, wohltuende Dinge gereicht, die den Tag leichter machen. Stattdessen hättest du zum Beispiel…

… deine Tasche ausräumen können – inklusive der alten Kassenzettel, die du sowieso nicht mehr brauchst.
… den Lippenpflegestift wiederfinden können, der seit Tagen spurlos verschwunden ist.
… die Chaos-Schublade durchgehen können, in der du alles findest, aber nie das, was du brauchst.
… eine schnelle Pasta kochen können, statt hungrig einem Reel über Tomatensauce zuzuschauen.
… den Geschirrspüler ausräumen und etwas Ordnung in den Abend bringen können.
… einmal durchsaugen können – nicht perfekt, aber genug, damit es sich danach ordentlicher anfühlt.
… duschen gehen können und merken, wie viel Ruhe warmes Wasser in wenigen Minuten bringt.
… in den Pyjama schlüpfen und dir für einen Moment eine kleine Abendroutine gönnen können.
… eine Mini-Yoga-Session machen können, die garantiert nicht scheitert, weil sie kurz ist.
… ein paar Minuten meditieren und spüren können, wie der Kopf etwas klarer wird.
… ein Kapitel lesen können und den Abend wieder in der eigenen Hand haben.
… eine Kerze oder einen Diffuser anzünden und sofort mehr Gemütlichkeit schaffen können.
… oder einfach still sitzen können, atmen und merken, wie der Tag langsam von dir abfällt.

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Yoga zeigt dir sofort, wie sich bewusst genutzte Zeit anfühlt. Quelle: Unsplash | Karolina Grabowska

 

Wie du den Sog durchbrichst

Es geht nicht darum, das Scrollen komplett zu verbannen. Es gehört zum Alltag und darf auch Spass machen. Damit dir aber nicht immer wieder diese kleinen, kaum bemerkten Minuten entgleiten, helfen ein paar einfache Gewohnheiten. Kleine Schritte, die den Moment zurückholen und dir wieder mehr Einfluss darauf geben, wie dein Abend aussieht. Was dir dabei helfen kann: 

  • Das Handy bewusst liegen lassen, wenn du nach Hause kommst, damit du nicht automatisch danach greifst.
  • Push-Mitteilungen ausschalten, damit nicht jede Vibration deine Aufmerksamkeit unterbricht.
  • Einen Timer stellen, wenn du «nur kurz» scrollen möchtest – als sanfte Erinnerung, kein strenges Limit.
  • App-Zeitlimits einstellen, damit dir das Handy zeigt, wenn deine geplante Tageszeit auf Instagram, TikTok & Co. erreicht ist.
  • Den Abendmodus aktivieren, um Reize zu reduzieren und das Display weniger aktivierend wirken zu lassen.
  • Eine kleine Routine davor einbauen: Tee kochen, kurz aufräumen, das Licht anpassen oder frische Luft hereinlassen.
  • Apps auf die zweite Seite verschieben, damit du Social Media nicht aus Gewohnheit öffnest.
  • Bewusste Pausen setzen: einmal tief durchatmen und ein paar Schritte gehen, bevor du zum Handy greifst.
  • Das Scrollen an bestimmte Orte binden – zum Beispiel nur auf dem Sofa, nicht im Bett oder unterwegs.
  • Etwas Angenehmes machen, bevor du das Handy benutzt: duschen, in den Pyjama schlüpfen, eine Kerze anzünden oder eine kurze Yoga-Einheit einbauen.
  • Handyfreie Zeitfenster schaffen, besonders rund ums Einschlafen.

Diese kleinen Anpassungen sind keine Verbote, sondern Orientierungspunkte. Sie geben deinem Abend Struktur und entziehen dem Algorithmus einen Teil seiner Macht.


Fazit: Hol dir deine Minuten zurück

Zeit ist schnell verschenkt – gerade dann, wenn wir sie unbewusst im Feed verschwenden. Wenn du ohne es zu merken weiter scrollst, ist sie weg, bevor du überhaupt realisierst, dass du sie hattest. Nutzt du sie hingegen bewusst, verändert sich sofort die Stimmung deines Abends. Es braucht nichts Grosses. Wichtig ist nur die Erkenntnis, dass du nichts verpasst, wenn du kurz offline bist, aber viel gewinnst, wenn du dir diesen kleinen Raum zurückholst. Zeit, die dir wirklich gehört, fühlt sich oft klarer, ruhiger und echter an als alles, was der Algorithmus dir im selben Moment anbieten könnte.

 

Quelle Titelbild: Unsplash | Kamran Abdullayev

Selin Emek

Marketing Manager Editorial Content

Mit einer Leidenschaft für Kreativität, Reisen, Fotografie und das ständige Erweitern meines Wissens, gehe ich voller Neugier durchs Leben. Wo ich meine Kreativität ausleben kann, fühle ich mich am wohlsten. Wenn ich nicht gerade die Welt erkunde, besondere Momente festhalte oder Neues lerne, liebe ich es, die Natur zu geniessen, mich in gemütlichen Cafés zu entspannen oder meine künstlerische Ader bei meinem nächsten Acrylgemälde auszuleben.

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