
Was wir von Italien, Japan und Co. lernen können
Kostenlos Zug fahren? In Luxemburg ist das die Realität. Andere Länder haben Gewohnheiten entwickelt, die uns manchmal überraschen. Nicht, weil sie alles besser machen als wir. Sondern weil sie zeigen, dass es oft mehr als einen Weg gibt, den Alltag zu gestalten.
Wir reisen durch die Welt, verbringen unsere Ferien in anderen Ländern oder schauen ihnen über Social Media beim Alltag zu. Dabei stelle ich mir immer wieder die Frage: Was können wir eigentlich von ihnen lernen?
Oft sind es nicht die grossen Sehenswürdigkeiten, die im Gedächtnis bleiben, sondern die kleinen Unterschiede im Alltag. Warum fährt man in Luxemburg kostenlos mit Bus und Bahn? Weshalb wird Ordnung in Japan als Form des Respekts verstanden? Und warum scheinen soziale Kontakte in Spanien einen anderen Stellenwert zu haben?
Natürlich lässt sich die Schweiz nicht mit jedem Land vergleichen. Dennoch lohnt sich ein Blick über die Landesgrenzen. Manche Gewohnheiten wirken auf den ersten Blick ungewohnt. Auf den zweiten regen sie zum Nachdenken an.
Kostenlos unterwegs
Wer in Luxemburg lebt oder Ferien macht, kann Bus, Tram und Zug kostenlos nutzen. Und zwar bereits seit 2020. Nur wer in der ersten Klasse reisen möchte, muss ein Ticket lösen.
Als ich davon erfahren habe, fragte ich mich sofort: Würden wir in der Schweiz den ÖV stärker nutzen, wenn er kostenlos wäre? Oder würden viele aus Bequemlichkeit trotzdem ins Auto steigen?
Gleichzeitig bietet der öffentliche Verkehr etwas, das man im Auto kaum hat: freie Zeit. Zeit zum Lesen, Arbeiten oder einfach zum Abschalten. Auch wenn sich Luxemburg nicht direkt mit der Schweiz vergleichen lässt, finde ich den Gedanken spannend. Mobilität wird dort als etwas betrachtet, das möglichst allen zugänglich sein soll. Pendeln wird dadurch zumindest finanziell entlastet.
Alles hat seinen Platz
Wenn du während der Fussball-WM 2026 auf Social Media unterwegs warst, hast du vermutlich schon einmal ein Video von japanischen Fans gesehen, die nach dem Spiel das Stadion aufräumen.
Diese Haltung begegnet einem in Japan immer wieder. Ordnung wird nicht nur als persönliche Angelegenheit verstanden, sondern auch als Form von Respekt gegenüber anderen Menschen.
Bekannt wurde dieses Prinzip auch durch Aufräum-Expertin Marie Kondo , die mit ihrer KonMari-Methode Menschen auf der ganzen Welt dazu motivierte, bewusster mit ihren Besitztümern umzugehen.
Das bedeutet nicht, dass jede Person das eigene Zuhause auf japanisches Perfektionsniveau bringen muss. Dennoch steckt ein interessanter Gedanke dahinter: Wer weniger Zeit mit Suchen verbringt, hat mehr Zeit für andere Dinge.
Zeit füreinander
Wenn ich an Spanien denke, fällt mir nicht nur das Essen ein, sondern vor allem die aufgeschlossene Art der Menschen. Sie gelten als offen, gesellig und kommunikativ. Laute Gespräche auf dem Balkon, belebte Plätze bis spät in die Nacht und Musik, die aus offenen Fenstern klingt, gehören zum Alltag.
In Spanien steht die Familie traditionell an erster Stelle. Eltern, Geschwister, Grosseltern und weitere Verwandte spielen eine wichtige Rolle im Leben. Familientreffen, gemeinsame Mahlzeiten und spontane Besuche sind ein wichtiger Teil des sozialen Miteinanders.
Natürlich bedeutet das nicht, dass Spanierinnen und Spanier keinen Stress kennen. Trotzdem scheint gemeinsame Zeit einen höheren Stellenwert zu haben als in vielen anderen Ländern. Während wir oft zuerst den Kalender öffnen müssen, bevor wir uns verabreden, wirken Begegnungen dort häufig spontaner.
Spiele sind dafür ein gutes Beispiel. Sie bringen Menschen an einen Tisch, sorgen für Gespräche und schaffen gemeinsame Erinnerungen. Vielleicht erklärt das auch, weshalb Spieleabende bis heute so beliebt sind.
Die Kunst der Pause
Geschlossene Tür. Rollläden unten. Das Café um die Ecke macht Pause. Wer zum ersten Mal durch eine italienische Kleinstadt spaziert, könnte meinen, es sei etwas passiert. Tatsächlich ist es oft einfach Mittag.
In vielen Regionen Italiens hat die Mittagspause bis heute einen festen Platz im Alltag. Ursprünglich entstand sie aus der Notwendigkeit, während der heissesten Stunden des Tages nicht zu arbeiten. Auch wenn sie längst nicht mehr überall gelebt wird, hat die Pause in vielen Regionen Italiens einen anderen Stellenwert als bei uns.
Der Gedanke dahinter ist simpel: Der Tag besteht nicht nur aus Arbeit. Man nimmt sich Zeit zum Essen, zum Durchatmen und für Gespräche. Erst danach geht es weiter.
Man muss dafür nicht gleich drei Stunden Pause machen. Die italienische Haltung erinnert aber daran, dass eine Pause mehr sein kann als ein Sandwich vor dem Bildschirm.
Lernen ohne Dauerdruck
Wenn über die besten Schulsysteme der Welt gesprochen wird, fällt der Name Finnland regelmässig. Doch was macht das nordische Land eigentlich anders?
Während viele Länder versuchen, ihre Schülerinnen und Schüler durch Prüfungen, Noten und Leistungsdruck zu besseren Ergebnissen zu bringen, verfolgt Finnland einen anderen Ansatz. In den ersten Schuljahren stehen Noten deutlich weniger im Fokus. Statt Konkurrenz stehen Neugier, Eigenverantwortung und individuelles Lernen im Mittelpunkt.
Ein weiterer wichtiger Grundsatz ist die Chancengleichheit. Unabhängig vom Wohnort oder den finanziellen Möglichkeiten der Eltern sollen alle Kinder Zugang zu einer hochwertigen Bildung erhalten.
Vielleicht liegt genau darin die spannendste Lektion: Lernen funktioniert nicht nur durch Druck, manchmal sind Vertrauen, Motivation und Freude am Lernen genauso wichtig.
Mein Fazit
Die Schweiz muss nicht wie Luxemburg, Japan, Spanien, Italien oder Finnland werden. Trotzdem können wir aus unseren Reisen mehr mitnehmen als Souvenirs. Andere Länder zeigen, dass es oft mehrere Wege gibt, die gleichen Herausforderungen anzugehen. Sei es beim Lernen, bei der Mobilität, bei der Ordnung oder im Umgang mit anderen Menschen. Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, alles zu übernehmen, sondern darum, offen für neue Denkanstösse zu bleiben und die eine oder andere Idee mit nach Hause zu nehmen .
Quelle Titelbild: Unsplash | Ibrahim Rifath
Lernende Mediamatikerin
Wahrscheinlich plane ich gerade meine nächste Reise oder mache mir Gedanken darüber, wo mein Weg mich noch hinführt. Ich beschäftige mich gerne mit Ernährung, dem weiblichen Zyklus und Persönlichkeitsentwicklung, weil ich es spannend finde, Zusammenhänge zu verstehen und Neues dazuzulernen. Gleichzeitig liebe ich es, die kleinen Dinge im Alltag zu geniessen, neue Restaurants auszuprobieren und Inspiration in den unterschiedlichsten Momenten zu finden.
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