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Warum uns die Niederlande beim Velofahren weit voraus sind

Als ich im Rahmen eines Auslandssemesters in den Niederlanden lebte, wurde das Velo schnell zu meinem ständigen Begleiter. Zur Uni, zum Sport, zum Einkaufen oder um Freund:innen zu treffen – das Velo war mein selbstverständliches Verkehrsmittel. Zurück in der Schweiz versuchte ich an der Gewohnheit festzuhalten, doch mir wurde schnell bewusst: Beim Velofahren spielen die Niederlande in einer anderen Liga.

Mehr Velos als Menschen

Breite Velowege, genug Abstellplätze und oft Vortritt vor Autos – in den Niederlanden ist das eine Selbstverständlichkeit. Velofahren ist dort keine Freizeitbeschäftigung fürs Wochenende, sondern Teil des täglichen Lebens. Rund 27 Prozent aller Strecken werden mit dem Velo zurückgelegt, in städtischen Gebieten sind es sogar fast 32 Prozent. Anders gesagt: Jeder dritte Weg wird dort auf zwei Rädern gefahren.

Kein Wunder also, dass es mehr Velos als Menschen gibt. Daten aus dem Jahr 2022 zeigen: Auf eine Bevölkerung von 17.8 Millionen kommen 23.9 Millionen Velos. Dazu stehen 38'000 Kilometer Radwege zur Verfügung. Die Niederlande setzen damit weltweit Massstäbe. Und nein, der Erfolg hat nicht nur mit der flachen Landschaft zu tun. Vielmehr war es ein Zusammenspiel aus Geschichte, gesellschaftlichem Druck und kluger Planung. 

Wie die Niederlande zur Velonation wurden

Schon um 1910 waren die Niederlande das Land mit der höchsten Velonutzung weltweit. Für die Bevölkerung war das Velo eine einfache und günstige Art, sich fortzubewegen. Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich das Bild jedoch zunehmend. Autos wurden immer populärer, mehr Menschen konnten sich ein motorisiertes Fahrzeug leisten, die Strassen füllten sich und Velos wurden immer mehr an den Strassenrand gedrängt. 

Mit dem wachsenden Autoverkehr stieg auch die Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle. 1971 verloren mehr als 3'000 Menschen durch motorisierte Fahrzeuge ihr Leben, darunter 450 Kinder. Diese Zahlen lösten grosse Bestürzung aus und führten zu landesweiten Protesten. Die Kampagne «Stop de Kindermoord» («Stoppt den Kindermord») wurde zum Symbol des Widerstands. Zusätzlich verschärfte die Ölkrise von 1973 die Situation. Als mehrere ölproduzierende Länder ihre Exporte nach Westeuropa einstellten, wurde die Abhängigkeit vom Auto plötzlich infrage gestellt.

Der gesellschaftliche Druck zeigte Wirkung: Die niederländische Politik begann, gezielt in den Ausbau der Veloinfrastruktur zu investieren. Damit wurde der Grundstein für jenes Veloparadies gelegt, für das die Niederlande heute bekannt sind.

Ein Land gebaut fürs Velo

Das Herzstück der niederländischen Veloinfrastruktur ist das riesige Netz aus Velowegen. In den Städten sind sie meist komplett vom motorisierten Strassenverkehr getrennt und haben eigene Verkehrsschilder und Ampeln. Zudem sind sie oft breit genug, damit mehrere Personen nebeneinander fahren oder problemlos überholen können.

Velos werden in der Verkehrsplanung konsequent mitgedacht. Ein schönes Beispiel dafür ist der Maastunnel in Rotterdam, der unter dem Fluss Nieuwe Maas hindurchführt. Neben zwei Röhren für Autos gibt es dort auch eine für Fussgänger:innen und eine für Velos.  

Auch beim Parkieren zeigt sich, welchen Stellenwert das Velo hat. Veloparkplätze findest du praktisch überall – vor Geschäften, Büros oder Schulen. Vielleicht hast du auch schon Bilder von riesigen Velo-Parkhäusern gesehen. In Amsterdam steht ein besonders beeindruckendes Exemplar. Direkt neben dem Hauptbahnhof befindet sich ein Unterwasser-Parkhaus mit Platz für bis zu 7'000 Velos. Lichtsignale, wie man sie in der Schweiz aus Auto-Parkhäusern kennt, zeigen freie Plätze an. Dank nummerierter Säulen lässt sich das eigene Velo problemlos wiederfinden – wobei ich zugeben muss, dass ich in diesen riesigen Parkhäusern trotzdem schon mehr als einmal suchend zwischen den Veloreihen umhergelaufen bin. 

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Velos, soweit das Auge reicht. Quelle: Unsplash | Alice

Velofahren als Lebensstil

Kinder kommen schon früh mit dem Velofahren in Berührung. In Lastenvelos, sogenannten «Bakfiets», fahren oft schon die Kleinsten mit. Generell mögen es die Niederländer:innen unkompliziert: Zwar werden E-Bikes auch dort immer beliebter, auf den Strassen dominieren aber nach wie vor klassische Citybikes – häufig ohne Gangschaltung und mit Rücktrittbremse. 

Es muss nicht immer das neuste Modell sein. Zwei Räder, die einem ans Ziel bringen, genügen. Klar, die Niederlande sind deutlich flacher als die Schweiz – ich würde hier auch nur ungern auf meine Gänge verzichten –, dafür kämpft man dort regelmässig gegen kräftigen Wind. Während meiner Zeit in den Niederlanden gehörte der Blick auf den Windradar fast zur Tagesroutine – etwas, das mir in der Schweiz nie in den Sinn käme. 

Aber auch das steht sinnbildlich für die Velokultur des Landes: Egal ob Wind, Regen oder Minustemperaturen, gefahren wird trotzdem. Velofahren ist kein Hobby, sondern ein Lebensstil. Selbst Hunde ausführen, Koffer transportieren oder ein Sofa zügeln – alles mit dem Velo machbar. 

 

Gut für Kopf und Körper

Die Niederländer:innen sind stolz auf ihre Velokultur und Studien bekräftigen, dass sie sich auch gesundheitlich auszahlt. So zeigt eine Untersuchung, dass Velofahren in den Niederlanden jährlich rund 6'500 Todesfälle verhindert und die Lebenserwartung im Schnitt um etwa ein halbes Jahr verlängert. Auch eine Analyse mit über 500'000 Personen kommt zu ähnlichen Schlüssen: Wer regelmässig zu Fuss oder mit dem Velo zur Arbeit pendelt, hat ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes. 

Nicht nur der Körper profitiert, auch für die mentale Gesundheit lohnt sich das Velofahren, wie Studien zeigen. Ein grosser Teil der niederländischen Bevölkerung empfindet Radfahren als entspannend und wer mit dem Velo zur Arbeit fährt, hat ein geringeres Risiko für Stress

Was wir von den Niederlanden lernen können

Die Niederlande zeigen eindrücklich, welches Potenzial im Veloverkehr steckt. Nicht alles lässt sich auf die Schweiz ummünzen – dafür unterscheidet sich vor allem die Topografie zu stark. Eine durchdachte Infrastruktur könnte jedoch schon viel dazu beitragen, das Velo stärker im Alltag zu verankern. 

Einen Punkt sollten wir uns allerdings nicht abschauen: In den Niederlanden sind die meisten Velofahrer:innen ohne Helm unterwegs. In der Schweiz schützen laut der BFU hingegen fast 60 Prozent ihren Kopf. Vielleicht gibt es also auf beiden Seiten Dinge, die wir voneinander lernen können.

 

Quelle Titelbild: Unsplash | Sabina Fratila

Eliane Lee

Marketing Manager Editorial Content

Ich liebe es, in andere Welten einzutauchen, sei es durch spannende Geschichten, mit Reisen in ferne Länder und Kulturen oder in meinem eigenen kleinen Garten – ich bin immer auf Entdeckungsreise. Und wenn es Zeit wird, die Seele baumeln zu lassen, findet ihr mich auf der Yogamatte oder mit einem guten Buch in der Hand.

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