
Die WM aus Sicht eines Nicht-Fussballfans
Ich würde mich nicht als Fussballfan bezeichnen. Wenn Fussballwissen eine Schulprüfung wäre, würde ich vermutlich noch vor der ersten Frage nervös werden. Und bei Abseits bin ich bis heute überzeugt, dass die Regel ursprünglich erfunden wurde, um Nicht-Fussballfans zu verwirren.
Trotzdem erwischt mich die WM jedes Mal. Nicht wegen des Fussballs. Sondern wegen der Menschen. Denn während einer Weltmeisterschaft scheint die gesamte Gesellschaft plötzlich nach eigenen Regeln zu funktionieren. Menschen verhalten sich anders, sprechen anders und treffen Entscheidungen, die ausserhalb eines Fussballturniers komplett absurd wirken würden. Hier sind einige Dinge, die mir als Nicht-Fussballfan während der WM besonders aufgefallen sind.
Menschen planen ihr Leben um einen Ball
Als ich zum ersten Mal hörte, dass jemand eine Geburtstagseinladung ablehnt, weil an diesem Abend ein Gruppenspiel stattfindet, dachte ich zuerst an einen Scherz. War es nicht.
Während der WM werden Termine verschoben, Restaurantbesuche umgeplant und Ferienwohnungen nach WLAN-Qualität ausgewählt. Plötzlich entscheidet nicht mehr der Kalender über die Abendplanung, sondern der Spielplan. Als jemand, die ihre Woche normalerweise nicht um sportliche Grossereignisse organisiert, fasziniert mich diese Prioritätenverschiebung jedes Mal aufs Neue.
Die Fan-Zone für Zuhause
Erwachsene diskutieren über Linien auf einem Bildschirm
Vor der WM hätte ich nie gedacht, dass eine eingeblendete Linie auf einem Bildschirm so viele Emotionen auslösen kann. Doch dann lernte ich den VAR kennen.
Innerhalb weniger Sekunden verwandeln sich vernünftige Erwachsene in Hobby-Ermittler. Es wird gezoomt, analysiert und mit grösster Ernsthaftigkeit darüber diskutiert, ob ein Knie oder eine Schuhspitze einige Zentimeter zu weit vorne war. Ich sitze daneben und denke: «Wir reden hier über einen Fuss. Einen einzelnen Fuss.» Für die Beteiligten scheint es jedoch um deutlich mehr zu gehen.
Nervennahrung
Niemand mag den Schiedsrichter
Eine weitere Erkenntnis: Der Schiedsrichter hat vermutlich den undankbarsten Job der Welt. Egal, was passiert, irgendjemand ist unzufrieden.
Gibt er einen Penalty, war er zu streng. Gibt er keinen Penalty, ist er blind. Zeigt er Gelb, übertreibt er. Zeigt er nichts, hat er das Spiel nicht im Griff. Nach einigen WM-Spielen hatte ich fast Mitleid.
Mein persönliches Highlight dieser WM ist die Schiedsrichter-Kamera. Was jetzt noch fehlt? Untertitel für die Diskussionen auf dem Platz. Denn ich würde wahnsinnig gerne wissen, was sich alle die ganze Zeit zurufen.
Plötzlich wird jeder Länderexperte
Während einer WM entwickeln Menschen erstaunlich schnell emotionale Bindungen zu Nationalmannschaften. Gestern wusste man vielleicht noch nicht, wie viele Einwohner Kap Verde hat. Heute analysiert man bereits die Chancen auf den Gruppensieg und diskutiert leidenschaftlich über die Aufstellung.
Besonders beeindruckend finde ich, wie schnell sich Sympathien entwickeln. Ein schönes Trikot , ein sympathischer Spieler oder ein spektakulärer Torjubel reichen aus und plötzlich hat man eine neue Lieblingsmannschaft, die man mit erstaunlicher Hingabe verteidigt. Die Schweiz bleibt meine Nummer eins. Meine Sympathiepunkte gehen allerdings an Curaçao. Fussballerisch kann ich das nicht begründen. Aber wenn ein Team aussieht, als hätte es gute Laune und einen Sonnenschein-Abovertrag abgeschlossen, bin ich dabei.
@daznfootball Curaçao are definitely bringing the vibes to this World Cup 🇨🇼🕺 🎥 via TheBlueWaveFFK/X #FIFAWorldCup #WorldCup ♬ original sound - DAZNFootball
Für das Stadiongefühl
Eine Niederlage beeinflusst die Stimmung eines ganzen Haushalts
Das war für mich vermutlich die grösste Überraschung. Vor einer WM dachte ich, ein verlorenes Spiel sei einfach ein verlorenes Spiel. Mittlerweile weiss ich es besser. Eine Niederlage kann die Stimmung eines ganzen Abends verändern. Menschen, die vor wenigen Minuten noch gut gelaunt waren, sitzen plötzlich schweigend auf dem Sofa und starren ins Leere, als hätten sie persönlich verloren. Dabei waren sie nicht einmal auf dem Platz. Die emotionale Beteiligung ist beeindruckend. Und ein kleines bisschen beängstigend.
Fazit: Die WM ist eigentlich viel mehr als Fussball
Je länger ich die WM beobachte, desto mehr habe ich das Gefühl, dass es dabei gar nicht nur um den Sport geht. Es geht um gemeinsame Abende, spontane Diskussionen, kleine Rituale und das Gefühl, dass plötzlich alle dasselbe Ereignis verfolgen. Selbst Menschen wie ich, die normalerweise keine Tabellen studieren und bei Abseits regelmässig den Anschluss verlieren, lassen sich davon anstecken.
Vielleicht ist genau das das Geheimnis der WM. Nicht der Fussball selbst. Sondern die Tatsache, dass für ein paar Wochen Millionen Menschen gleichzeitig mitfiebern, diskutieren und hoffen.
Quelle Titelbild: Unsplash | James Kirkup
Marketing Manager Editorial Content
Beauty, Trends und kreative Inhalte haben mich schon immer begeistert – früher mit dem Traum, irgendwann mal Prinzessin zu werden, heute mit der Leidenschaft für Texte, die sich jung, spannend und nicht nach Standard anfühlen. Wenn ich nicht gerade schreibe oder auf TikTok im nächsten Trend-Rabbit-Hole verschwinde, findet man mich wahrscheinlich im Gym, irgendwo am See in der Sonne oder gedanklich schon auf der nächsten Reise. Und sobald ich am Meer bin, verliere ich sowieso komplett jedes Zeitgefühl.
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