Brack Logo

Ein Roboter mit Seele? Der CONNECT-Ausblick in die Intelligenz von morgen

An der CONNECT 2026 tanzen humanoide Roboter zu Upbeat-Pop. Ein Blick in die wirtschaftlichen Fähigkeiten der Maschine offenbart: Für eine neue Fabrikaufgabe brauche der Roboter ein bis zwei Wochen Training – für den nächsten Roboter deutlich weniger. Genau in diesem Unterschied zwischen Bühnenshow und Standgespräch verbirgt sich die eigentliche Geschichte dieser Messe.

Sie handelt nicht in erster Linie von Künstlicher Intelligenz. Sie handelt davon, wohin Wissen wandert, wenn es nicht mehr nur in Köpfen sitzt, sondern in digitalen Systemen. Und sie stellt eine Frage, die für Unternehmen relevanter ist als jede Bühnenshow: Wem gehört dieses Wissen – und nach welchen Regeln wird es verwendet?

Physical AI: Wenn Erfahrung kopierbar wird

Wenn ein Mensch über Jahre lernt, eine Maschine zu bedienen, einen Prozess zu optimieren oder auf schwierige Situationen richtig zu reagieren, sitzt ein Teil dieses Wissens in ihm – und in der Organisation, die ihn ausgebildet hat. Weitergeben lässt es sich nur mühsam: durch Schulung, Mentoring, Erfahrung und investierte Zeit.

Bei einem Robotersystem kippt diese Logik. Ist die Anwendung einmal trainiert, lässt sich das Modell auf weitere Maschinen desselben Typs übertragen – spürbar schneller als beim ersten Anlauf. Aus einer einzelnen, mühsam erworbenen Fähigkeit wird damit etwas anderes: ein Gut, das sich vervielfältigen lässt. 

Das eröffnet reale Vorteile. AgiBot selbst nennt etwa Inspektionen unter Hochspannung, Arbeiten unter Hitze oder Kälte und schwere körperliche Tätigkeiten als Einsatzfelder – Aufgaben, die Menschen gefährden oder gesundheitlich belasten. Dazu kommen schnellere Skalierung, weniger Wiederholungsschulungen, einheitlichere Prozesse und, in einem Land mit spürbarem Fachkräftemangel, eine mögliche Antwort auf genau dieses Problem.

Doch jede Fähigkeit, die sich derart vervielfältigen lässt, hat eine Kehrseite, die auf der Bühne wenig besprochen wird: mögliche Verdrängungseffekte auf dem Arbeitsmarkt, neue Überwachungsmöglichkeiten und, grundsätzlicher, jene Dual-Use-Frage, die sich jeder physisch handlungsfähigen KI irgendwann stellt – unabhängig vom Hersteller. Das ist keine spezifische Kritik an einem einzelnen Aussteller, sondern die Reflexion einer ganzen Technologiekategorie.

Kein Produktprospekt beantwortet, was daraus folgt: Wem gehört dieses Wissen am Ende – dem Unternehmen, das es antrainiert hat, oder dem Hersteller, der die Plattform betreibt? Und was geschieht damit, wenn eine Mitarbeiterin das Unternehmen verlässt, ihr über Jahre erworbenes Wissen aber im Roboter bleibt?

Von einer Monopolstellung der Hersteller zu sprechen, wäre verfrüht; dafür fehlt schlicht die Evidenz, und AgiBot verweist selbst auf offene SDKs, Toolchains und lokale Partner für branchenspezifische Anwendungen. Interessanter ist die Frage, die daraus tatsächlich folgt – die eigentliche B2B-Frage der Messe: Wird Maschinenwissen zum übertragbaren Vermögenswert des Kunden, oder zu einer neuen Form von Lock-in-Effekt? 

Physical_AI_CONNECT_2026_Zukunftstrends_1200x800_blog_ratgeber.jpg

Wissen ist Macht – und es wandert

Diese Logik beschränkt sich nicht auf Roboter. Sie zieht sich durch praktisch jeden Stand der CONNECT 2026.

Bei Pax8 verwandeln sich KI-Agenten von einem Werkzeug neben der Arbeit zu einer Schicht, die zwischen Systemen sitzt und Prozesse selbst ausführt. Dr. Toni Luhti skizziert dazu ein neues Rollenbild: Managed Service Provider werden zu Managed Intelligence Providern, die Agenten auswählen, implementieren, absichern und über ihren gesamten Lebenszyklus betreuen – für KMU, die unmöglich jedes Modell und jede Schnittstelle selbst beherrschen können, eine reale Chance. Sie wird aber zum Risiko, sobald derselbe externe Partner Prozesse modelliert, Agenten verwaltet, Wissen strukturiert und gleichzeitig den Erfolg misst. Aus einem Dienstleister kann so, ganz ohne böse Absicht, ein strategischer Abhängigkeitspunkt werden.

Bei HPE verschiebt sich die Machtfrage eine Ebene tiefer. Netzwerke werden laut Country Chief Technologist Roger Mafli zum Flaschenhals für KI-Workloads – und beginnen gleichzeitig, sich über Systeme wie Mist, Marvis und Aruba Central selbst zu diagnostizieren und teilweise zu reparieren. Es wird also nicht mehr nur der Geschäftsprozess automatisiert, sondern zunehmend auch die Infrastruktur, auf der er läuft.

Bei Axis werden aus Kameras multimodale Sensorsysteme: Wärmebild, Optik und Metadaten fliessen zusammen und liefern nicht mehr nur Bilder, sondern Handlungsempfehlungen. Am Stand entscheidet im gezeigten Szenario der Mensch, die KI liefert nur die Einschätzung – eine gute Absicht, aber keine Naturgesetzlichkeit, denn dieselben Systeme können Ereignisse ebenso automatisiert erkennen und Aktionen auslösen. Interessant ist deshalb weniger, ob am Ende ein Mensch entscheidet, als auf welcher Stufe davor das System selbst schon handelt.

Einen einzigen Konzern, der künftig die Kontrolle über all das übernimmt, gibt es nicht – zumindest noch nicht. Was es gibt, sind Dutzende kleinere Architekturentscheidungen: offene oder geschlossene Schnittstellen, exportierbare oder gebundene Modelle, Verträge, die Kontrolle in die eine oder andere Richtung verschieben.

Kann einem Roboter eine Seele innewohnen?

Genau hier wird AgiBots zweite Plattform interessant. «LinkSoul» erlaubt es, einem Roboter mehr als nur Bewegungsabläufe mitzugeben: Persona, Persönlichkeit und Weltanschauung lassen sich konfigurieren. Für Unternehmen gibt es fertige Vorlagen – für den Empfang, die Beratung, die Pflege. AgiBot selbst spricht ausgesprochen anthropomorph davon, Robotern eine Persönlichkeit zu geben.

CONNECT_2026_Impression_Keynote_1200x800_blog_ratgeber.jpg

Damit entstehen drei Ebenen, die sich künftig getrennt betrachten lassen: der Körper (Bewegung, Manipulation, Sensorik), das Wissen (erlernte Skills und Workflows) und die Rolle (Persönlichkeit, Stimme, Verhalten). Wer künftig nicht mehr einfach einen Roboter kauft, sondern eine Rolle konfiguriert – Empfangskraft, Verkäufer, Guide, Pflegebegleitung –, kauft eine Mischung aus Maschine, Software, Wissenssystem und digitaler Persona.

«Seele» ist dafür vermutlich das falsche Wort. Niemand am Stand behauptet, ein Bewusstsein zu erschaffen. Aber die Frage lohnt sich trotzdem, weil sie eine ehrlichere Frage freilegt: Was bedeutet es, wenn Maschinen gezielt so gestaltet werden, dass wir ihnen vertrauen, sie mögen und uns von ihnen erinnert fühlen?

Für Unternehmen wird das schnell konkret. Wenn eine konfigurierte Persona einen Fehler macht, sich entschuldigt oder falsch berät – haftet dann das Unternehmen, das die Rolle definiert hat, oder der Hersteller, der die zugrundeliegende Persönlichkeit trainiert hat? Und wechselt ein Unternehmen die Plattform: Wandert die «Persönlichkeit» mit, oder gehört das Vertrauen, das Kund:innen zu «ihrem» Empfangsroboter aufgebaut haben, am Ende dem Backend, das ihn betreibt?

Die Messe liefert dazu einen wohltuenden Gegenpunkt. «No Isolation» aus Norwegen nutzt dieselbe Rollen-Logik für einen der menschlichsten Zwecke, die sich denken lassen: Der Telepräsenzroboter AV1, eine Art Roboterkopf mit Video- und Audio-Funktion, ermöglicht es Kindern und Jugendlichen mit schweren Erkrankungen zurück ins Klassenzimmer zu kommen – zumindest digital. Überbrückt wird hier Distanz, nicht Menschlichkeit. Dieselbe Technik, die andernorts eine Empfangsrolle simuliert, gibt einem kranken Kind das Gefühl zurück, Teil seiner Klasse zu sein – ein Beleg dafür, wie stark die Wirkung von der Gestaltung abhängt und wie wenig vom Prinzip.  

Zukunftstrends_CONNECT_2026_1200x800_blog_ratgeber.jpg

Was das für Business Leaders heisst: so klug wie der Rahmen

Diese Beobachtung lässt sich zuspitzen: Eine Lösung ist nie intelligenter als der Rahmen, in dem sie eingesetzt wird. Drei sehr unterschiedliche Sessions der CONNECT 2026 bestätigen das aus drei Richtungen.

Toni Luhtis vielleicht praktischster Satz der ganzen Messe lautete: «Start with the business problem – the technology follows.» Nicht fragen, welche KI man einsetzen soll, sondern welchen Prozess man verbessern will – und woran sich der Erfolg erkennen lässt. Businessproblem, Use Case, KPI und dann erst Technologie.

Im Panel «Swiss Ladies Drive» ergänzten Andrea Luder, Christian Czupalla und Fitore Aliu-Keller die organisatorische Seite: Bevor ein Unternehmen nach den Talenten von morgen sucht, muss es wissen, welche Organisation es morgen sein will – viele kennen die Fähigkeiten der eigenen Belegschaft kaum. Aliu-Keller widersprach zudem der Annahme, KI mache Fachwissen weniger relevant: Es bleibt nötig, um die richtigen Fragen zu stellen, Outputs zu beurteilen und einzugreifen, wenn die Automation falschliegt – so wie ein Pilot ein automatisiertes Flugzeug trotzdem aktiv führt. Ihr Fazit: «Leistung entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch Vertrauen, Orientierung und Konsequenz.»

Und Raiffeisen-Chefökonom Fredy Hasenmaile lieferte den wirtschaftlichen Unterbau: Die Schweizer Wirtschaft zeige sich trotz geopolitischer und handelspolitischer Verwerfungen bislang bemerkenswert robust – «stabile Labilität» nennt er das. Der starke Franken zwinge Unternehmen zu permanenter Rationalisierung und höherer Produktivität, einem «Fitnessprogramm» ohne Enddatum. Sein wichtigster Punkt für diesen Artikel: Viele Unternehmen könnten neue Technologien noch gar nicht sinnvoll nutzen, weil sie organisatorisch oder technologisch schlicht nicht anschlussfähig seien.

Drei unabhängige Vorträge, ein gemeinsamer Nenner: Der Engpass der nächsten KI-Phase ist wahrscheinlich weniger Rechenleistung als organisatorische Aufnahmefähigkeit. Bevor ein Unternehmen also über den nächsten Agenten, Roboter oder das nächste Sensorsystem entscheidet, lohnt sich der Blick auf eine kurze, unbequeme Liste dessen, was das eigene Unternehmen selbst kontrollieren muss, bevor die Technologie entscheidet:

  • die eigenen Daten,
  • die eigenen Prozesse,
  • Agenten, Prompts und Modelle,
  • Integrationen und Logs,
  • und eine echte Exit-Option, falls der Anbieterwechsel nötig wird.

Wer diese fünf Punkte vor der Systementscheidung nicht beantworten kann, hat kein Technologieproblem. Er hat ein Governance-Problem, das eine sehr leistungsfähige Technologie nur verstärkt.

Schluss: Zurück zur tanzenden Maschine

Am Ende steht wieder das Bild vom Anfang: der Roboter, der tanzt. Das ist der sichtbare Teil. Der eigentlich entscheidende Teil passiert unsichtbar – im Training, im Vertrag, in der Architektur: Wer bringt der Maschine etwas bei? Welches Wissen bekommt sie? Wer darf es kopieren? Wer kontrolliert ihre Entscheidungen? Und wer kann sie am Ende abschalten oder den Anbieter wechseln?

Zukunftstrends_CONNECT_2026_Roboter_tanzend_1200x800_blog_ratgeber.jpg

Einen Roboter mit Seele gibt es auf der CONNECT 2026 vermutlich nicht. Was es gibt, ist eine Maschine mit einer Rolle, einem Gedächtnis – und sehr vielen menschlichen Entscheidungen, die ebenso sorgfältig gestaltet werden sollten wie die Maschine selbst. Ob Maschinen eines Tages tatsächlich so etwas wie eine Seele entwickeln, bleibt Science-Fiction. Ob wir den Rahmen klug genug gestalten, in dem sie mit unserem Wissen, unserer Verantwortung und unserem Vertrauen umgehen, entscheidet sich schon an den ersten Berührungspunkten wie dieser Messe.

Maximilian Bauer

Lead Editorial Content

Ehemaliger Kulturjournalist, heute Unternehmenskommunikator mit B2B-Hintergrund in öffentlichen Institutionen und der Softwareindustrie. In meiner Freizeit dreht sich vieles um Technik in allen Facetten: eine zu grosse Gitarrensammlung, jede Menge Audio-Equipment und ungebrochene Musikleidenschaft. Dazu kommt das Fotografenauge – mit Schwäche für (leider) viel zu teure Kameras – und meine nostalgische Liebe zu PC-Spielen: von taktischen Shootern über Rollenspiele bis hin zu Strategie-Klassikern. Bei Brack darf ich über all das schreiben, was mich schon immer fasziniert hat.

Alle Beiträge des Autors anzeigen
,

CONNECT 2026

Tanzende Roboter, ein Herz in 3D: zwei Tage auf der CONNECT 2026

Wenn wir die Halle betreten, tanzen rechts humanoide Roboter – ein kleiner Robo-Hund fährt umher und macht Saltos. Später gibt es eine digital-videoüberwachte Carrerabahn, KI-generierte Zeichnungen, spannende Diskussionen und Einblicke in Digitalisierung, KI und kulturelle Fragen dazwischen.

01.09.2026

Mehr lesen

CONNECT 2026 – Unboxing Tomorrow

Am 26. und 27. August packen wir die Zukunft aus – jetzt Tickets für die CONNECT 2026 sichern. Die ICT-Branche der Schweiz trifft sich in der Halle 550 in Zürich Oerlikon zur CONNECT 2026 – der grössten B2B ICT Fachmesse der Deutschschweiz.

28.04.2026

Mehr lesen

Messeguide: So holst du das Maximum aus der CONNECT

Am 26. und 27. August 2026 öffnet Halle 550 in Zürich-Oerlikon einmal mehr ihre Tore für die grösste ICT-Fachmesse der Schweiz – die CONNECT. Was dich erwartet? 90 Ausstellende, 35 Sessions und unzählige Gelegenheiten für Networking. Aber wie zurechtfinden, bei so einem reichhaltigen Angebot?

07.08.2026

Mehr lesen

KI auf dem Vormarsch: Was Unternehmen jetzt wissen müssen

Wer künstliche Intelligenz als blosses Experiment abstempelt, unterschätzt ihr Potenzial. Für viele Unternehmen ist sie bereits ein strategischer Hebel. Doch wie wird aus dem Trend ein echter Nutzen? Matthias Bolliger, KI Circle Leader bei Brack.Alltron, teilt seine Erfahrungen aus der Praxis.

08.05.2026

Mehr lesen

Cybersecurity 2026: Neue Bedrohungen, neue Strategien

An der CONNECT 2026 zählt Cybersecurity zu den zentralen Fokusthemen – aus gutem Grund, denn Angriffsflächen wachsen, Lieferketten werden komplexer und KI beschleunigt Angriff und Abwehr gleichermassen. Welche Themen Unternehmen 2026 besonders im Blick haben sollten und wo es sich lohnt, Prioritäten zu setzen, ordnet dieser Beitrag mit Einschätzungen von zwei Experten bei Brack.Alltron ein.

29.05.2026

Mehr lesen

IT-Fachkräftemangel? So nehmen unsere HR, IT und Alltron Academy ihn wahr

Bis 2033 brauche die Schweiz 128'600 zusätzliche ICT-Fachkräfte – so die Studie der ICT-Berufsbildung aus dem Jahr 2025. Davon könne sie voraussichtlich nur knapp über die Hälfte des Bedarfs decken. Gleichzeitig berichtet die Adecco Group von einem Rückgang beim ICT- und IT-Fachkräftemangel. Wie passt das zusammen?

09.07.2026

Mehr lesen
FacebookLinkedinRedditXWhatsapp