
Wie das CD-Laufwerk klammheimlich verschwand
Im Archiv lag eine Akte. Als ich nach ihr griff, zeichneten meine Fingerkuppen Spuren auf den vergilbten Umschlag. Staub, der einen tiefen Atemzug später wirr und ziellos in den Lichtstreifen tanzte, die sich durch die Jalousien drängten. Eine rote, fleckige Aufschrift kam zum Vorschein. «Vermisst.»
Seit über 10 Jahren schon müssen unsere Computer das CD/DVD-Laufwerk missen. Es verschwand, aber nicht von heute auf morgen, sondern nach und nach. Leise, heimlich, geradezu unbemerkt. Doch wer hat es vertrieben – und was war das Motiv?
Die ersten Verdächtigen
Da wäre zunächst der USB-Stick. Um die Jahrtausendwende herum tauchte er auf, und es dauerte nur wenige Jahre, bis er im Markt standhaft Fuss fasste. Mehrere Megabyte passten plötzlich auf einen kleinen, schlanken Stick. Wiederbeschreibbar, ohne Brennprogramm und ohne Hülle.
Der entscheidende Punkt war aber nicht nur der Stick selbst, sondern auch die Infrastruktur: USB 2.0 wurde am 27. April 2000 spezifiziert und 2013 als internationaler Standard (IEC 62680-1:2013, später ersetzt durch 2015) veröffentlicht. Kein gutes Omen für das CD-Laufwerk.
Damit war sein kurioses Verschwinden jedoch noch nicht besiegelt. Der Stick bedrohte zunächst nämlich nicht die Musik-CD, sondern die Daten-CD.
Als potenzieller Komplize kommt hier der MP3-Player ins Spiel. Der erste tragbare, serienproduzierte MP3-Player, der MPMan F-10 nämlich, soll 1998 auf den Markt gekommen sein – nur etwa drei Jahre, nachdem das MP3-Format (der Erzfeind schlechthin für das CD-Audio-Format) als ISO-Standard verabschiedet wurde. Im Laufe der 2000er wurden MP3-Player immer beliebter, besonders der iPod, bis das Smartphone sie laufend ablöste.
2003 hatte sich jedoch ein weiterer potenzieller, mächtiger Komplize hinzugesellt: Apple startete am 28. April 2003 den iTunes Music Store mit mehr als 200’000 Songs für 99 Cent pro Titel und mit Katalogen fünf grosser Labels. 2006 meldete Apple bereits eine Milliarde verkaufte Songs. Und heute? Heute gibt es mit Apple Music und Spotify zwei Musik-Streaming-Giganten.
Audiodateien in tragbaren und übertragbaren Musikbibliotheken überholten die klassische Album-CD. Diese Entwicklung sorgte dafür, dass Walkmans und CD-Player nach und nach verdrängt wurden. Eine grosse Bedrohung für die Musik-CD, und damit auch das Laufwerk.
Als nächstes sollten DVD und Blue-ray bedroht werden. Die Internetgeschwindigkeit nahm auch in den 2000er Jahre laufend zu, sodass 2005 YouTube kreiert wurde, und 2007 Netflix seinen Streaming-Dienst eröffnete. 2008 veröffentlichte Apple mit dem MacBook Air ein Notebook ohne Laufwerk – «jetzt, wo die Nutzenden Filme drahtlos vom iTunes Store mieten können.»
Noch war die DVD trotz allem sicher. 2010 schliesslich erlaubte YouTube jedoch das Mieten von Filmen, und um die 2020 herum verzeichnete Netflix enormen Wachstum. Streaming und Download sind heutzutage gang und gäbe. Das sieht man nicht nur bei Filmen und Musik, sondern auch beim immensen Rückgang von Gaming-CDs (nicht zuletzt durch die Beliebtheit von Onlineplattformen wie Steam) und Software-CDs.
Nichtsdestotrotz finden DVDs und Blue-rays heute noch Platz im Regal von zahlreichen Sammelfreudigen – und viele besitzen einen entsprechenden Player. Kein Wunder also, dass Filme und Serien bis dato noch physisch vertrieben werden. Nicht zuletzt, weil Streaming und Kauf zwei Paar Schuhe sind.
Es dauerte nicht lange, bis sich neue Verdächtige hinzugesellten, die auch dem USB-Stick gefährlich wurden. Allen voran die Cloud. Microsoft führte seinen Online-Speicher 2007 zunächst unter dem Namen SkyDrive ein; 2014 wurde daraus OneDrive. Dropbox wiederum ging 2008 an den Start und soll bereits 2011 rund 50 Millionen Nutzende gezählt haben.
Dateien müssen nun weder auf eine Scheibe gebrannt noch auf einen Stick kopiert werden. Sie liegen irgendwo auf einem Server, werden automatisch zwischen Computer, Smartphone und Tablet synchronisiert und lassen sich mit einem Link weitergeben.
Eine Entwicklung führte zur nächsten. Nach und nach wurde das Laufwerk aus dem PC herausgedrängt und verstossen; es war zusätzliches Gewicht, das unnötig Platz einnahm. Und die Beweisstücke? Die hatten sich buchstäblich in Luft aufgelöst – oder zumindest in jene schwer greifbare Wolke, die wir seither Cloud nennen.
Wer jetzt noch ein Laufwerk braucht, muss meist nachrüsten.
Die Lösung des Falls
Der wahre Verdächtige war kein Gerät. Er hatte keinen Stecker, keinen Akku, kein Gehäuse. Er hiess: Datei. Die Datei war das perfekte Alibi für alle anderen. Der USB-Stick trägt sie fort, der iPod spielt sie ab, das Smartphone verschluckt sie, die Cloud bewahrt sie auf, und das Streaming macht sie abrufbereit.
Erst wurde alles zur Datei. Dann kamen die Geräte, die mit Dateien besser umgehen konnten als die CD.
Daten kommen nicht mehr in Scheiben daher, und das Laufwerk wurde nicht vertrieben, sondern in seinem Nutzen überholt. Sein Fehlen ist die natürliche Konsequenz daraus, dass digitale Produkte ihren physischen Körper verlieren.
Ein Umstand, der weltweite Debatten ins Leben rief – darunter die Bewegung «Stop Killing Games», die für die Verbindlichkeit des digitalen Kaufs kämpft.
Quelle Titelbild: Unsplash | Liam Briese
Marketing Manager Editorial Content
Wenn ich mal nicht gerade damit beschäftigt bin, meiner literarisch-kreativen Ader freien Lauf zu lassen, stecke ich höchstwahrscheinlich in einem Netflix-Marathon fest («Nur noch eine Folge!»), unterhalte ich mich angeregt über die verschiedensten Themen, lese ein gutes Buch oder fordere mich selbst mit einem neuen Hobby heraus. Meine Wissbegierde kennt keine Grenzen, und hier habe ich die Möglichkeit, sie auszuleben und mit anderen zu teilen.
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