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Beschaffungsprozesse in Schweizer Konzernen: Corporate-Guide für einen reibungslosen Prozess

Beschaffungsprozesse in Grossunternehmen: Die Arbeit beginnt nicht beim Kauf und endet nicht bei der Lieferung. Dazwischen liegen interne Freigaben, Systemintegration, Compliance-Prüfungen, Rollout-Planung und Lifecycle-Management. Und irgendwo in dieser Kette entsteht Reibung – oftmals unerwartet.

Dieser Artikel wirft einen Blick auf die typischen Reibungspunkte in Corporate-Beschaffungsprozessen  – entlang der realen Buying Journey, mit Blick auf die Schweizer Marktspezifika – und gibt eine schnelle Prüflogik an die Hand, bevor ein Projekt intern ins Stocken gerät.

Linear war gestern – Omnichannel mit Governance

Corporate-Beschaffung entwickelt sich vom einst linearen Prozess zu einer Omnichannel-Customer-Journey. Die McKinsey B2B Pulse Survey 2024, basierend auf knapp 4'000 B2B-Entscheidungsträger:innen weltweit, zeigt: B2B-Käufer:innen nutzen im Schnitt zehn Interaktionskanäle entlang ihrer Buying Journey – doppelt so viele wie noch 2016.

Gleichzeitig gilt die sogenannte Rule of Thirds stabil über Branchen und Unternehmensgrössen hinweg: Ein Drittel aller Interaktionen erfolgt persönlich, ein Drittel remote (Telefon, Video, E-Mail), ein Drittel digital im Self-Service. Das gilt bei Erstbestellungen wie bei Wiederkäufen, bei kleinen Transaktionen wie bei Aufträgen im Millionenbereich.

Für Corporate-Teams bedeutet das: Ein Anbieter, der nur über einen Kanal funktioniert – ausschliesslich Self-Service-Shop oder ausschliesslich persönlicher Account Manager – passt strukturell nicht zur Realität moderner Beschaffungsprozesse. Mehr als die Hälfte der befragten B2B-Käufer:innen gibt an, den Anbieter zu wechseln, wenn die Erfahrung über Kanäle hinweg nicht nahtlos funktioniert. Der Kanal selbst entscheidet nicht. Die Nahtlosigkeit und erlebte Qualität entscheiden.

Der Schweizer Filter: Stabilität, SAP und Roadmap bis 2027

Globale Trends sind eine Sache. Die Schweizer Beschaffungsrealität ist in einigen Punkten spezifischer – und anspruchsvoller.

PwC Switzerland zeigt in den Swiss Findings der Global Digital Procurement Survey 2024: Schweizer Procurement-Funktionen gewichten finanzielle Stabilität eines Anbieters überdurchschnittlich stark. Mehr als die Hälfte der befragten Schweizer Beschaffungsabteilungen nennt Financial Performance als Top-Priorität.  Das ist keine Nebensächlichkeit – es bedeutet, dass die Frage «Ist dieser Partner in fünf Jahren noch verlässlich da?» in der Qualifikation mindestens so schwer wiegt wie der aktuelle Preis.

Dazu kommt die Systemrealität: Schweizer Organisationen setzen bei Source-to-Contract und Procure-to-Pay stark auf etablierte Plattformen. SAP ist laut PwC in beiden Bereichen die meistgenannte Lösung. Für jedes Corporate-Team, das einen neuen Anbieter evaluiert, bedeutet das eine konkrete Prüffrage: Ist dieses Setup P2P-kompatibel? Katalogdaten, Punchout, OCI, cXML, EDI, Kostenstellen, Freigabelogik und e-Invoicing sind keine technischen Wunschlisten – sie entscheiden darüber, ob ein Onboarding intern als Erfolg oder als Dauerbaustelle endet.

Dass diese Infrastruktur in der Schweiz gelebte Realität ist, zeigt Migros Industrie, die Lieferanten über SAP Ariba mit gestaffelten Integrationsstufen onboardet – je nach Transaktionsvolumen und Prozessbedarf. Das Modell ist nicht branchenspezifisch. Es ist exemplarisch für das, was grosse Schweizer Organisationen heute als Standard voraussetzen.

Auf den Roadmaps bis 2027 erscheinen laut PwC Switzerland zwei weitere Schwerpunkte überdurchschnittlich stark: CO₂-Emissionstracking und Risikomanagement. Beides wandert aus dem ESG-Reporting ins operative Beschaffungsgeschäft – als messbare Anforderung, nicht als Absichtserklärung.

Wer im Buying Committee sitzt – und was jede Rolle braucht

«Der Entscheider» existiert in Grossunternehmen fast nie als Einzelperson. Beschaffungsentscheide werden von einem Buying Committee getragen – mit unterschiedlichen Prioritäten, die alle gleichzeitig berücksichtigt werden müssen.

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Procurement / Category Manager IT bewertet Preislogik, Rahmenverträge, Lieferantenqualifikation und Systemintegration. Kernfrage: Lässt sich dieses Setup in unseren P2P-Prozess integrieren, ohne Mehraufwand zu erzeugen?

Produktanwender: Das Team, das am Ende das Produkt verwendet, wird die Anforderungen ebenso mitdefinieren und Feedback im Selektionsprozess geben. Hohe Nutzerfreundlichkeit und schlanke Integration bieten hier Vorteile.

IT Operations / Workplace Lead bewertet Standards, Kompatibilität, Lifecycle, Imaging und MDM-Integration. Kernfrage: Können wir das über mehrere Standorte und Jahre hinweg betreiben und standardisieren?

Projektleitung / Rollout Manager bewertet Lieferfähigkeit, Planbarkeit und Standortlogistik. Kernfrage: Gibt es einen belastbaren Plan für grössere Rollouts – oder nur Aussagen zu Einzelbestellungen?

CISO / Security / Compliance bewertet Datenschutz, Zertifizierungen und Lieferkettensicherheit. Kernfrage: Sind Rollen, Datenflüsse und Supportprozesse dokumentiert und prüfbar? Das revidierte Schweizer Datenschutzgesetz (nDSG), in Kraft seit dem 1. September 2023, macht diese Anforderung für Unternehmen verbindlich.

Finance / Controlling bewertet TCO, Budgetrahmen und Vertragsmodelle. Kernfrage: Sind Gesamtkosten transparent – inklusive Integrationsaufwand, Lifecycle-Kosten und möglicher Folgekosten?

ESG / Sustainability Procurement bewertet CO₂-Daten, Supplier Ratings und Lieferkettenverantwortung. Kernfrage: Was liefert dieser Anbieter konkret für unser Scope-3-Reporting?

Wer ein Beschaffungssetup evaluiert, muss alle diese Perspektiven intern abdecken können. Scheitert eine davon, scheitert das Projekt möglicherweise – unabhängig davon, wie gut Preis und Sortiment aussehen.

Zehn Kontaktpunkte, an denen Beschaffung scheitern kann

Die Buying Journey in Konzernen umfasst laut McKinsey im Schnitt zehn Touchpoints. An jedem davon kann ein Setup Reibung erzeugen – oder vermeiden.

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1. Problem-Trigger: Incident, Refresh-Zyklus, Audit-Finding, neues Projekt, offenes Budgetfenster. Der Bedarf entsteht – und ist oft zeitkritisch. Wenn zu diesem Zeitpunkt keine B2B-tauglichen Informationen abrufbar sind, beginnt die Evaluierung beim falschen Anbieter.

2. Erst-Recherche: Google, Herstellerseiten, Fachpublikationen, interne Empfehlungen wie auch KI-Recherchen. Fehlende oder unklare B2B-Inhalte fallen hier von der Longlist – still und ohne Rückmeldung.

3. Interne Vorabklärung: IT, Security, Procurement und Finance prüfen intern Standards, Budgets, Machbarkeit. In dieser Phase ist die Dokumentation des Anbieters im Raum – nicht der Anbieter selbst.

4. Shortlist: Muss-Kriterien werden definiert. Systemkompatibilität, Lifecycle, Compliance, Lieferfähigkeit, Support. Fehlende Informationen disqualifizieren automatisch.

5. Self-Service Check: Shop, Portal oder Katalog wird geprüft. Auffindbarkeit, Produktdaten, Datenblätter. Unvollständige Daten erzeugen intern Misstrauen – und Mehrarbeit.

6. Remote-Beratung: 20–30 Minuten. Fragen zu Alternativen, Risiken, Skalierbarkeit. Fachliche, klare Antworten sind hier entscheidend – nicht Verkaufsrhetorik.

7. Formales Angebot: Rahmenpreise, Projektpreise, SLA, Liefer- und Zahlungsbedingungen. Angebote, die nicht vertrags- und systemfähig sind, erzeugen Folgeaufwand in Procurement und Finance.

8. Systemintegration : Punchout, OCI, cXML, EDI, e-Invoicing. Stammdaten, Kostenstellen, Freigabelogik, Rechnungsdaten. Fehlt diese Ebene, entsteht manuelle Arbeit – im Konzern selten eine Ausnahme, fast immer ein strukturelles Problem und in den letzten Jahren zunehmend relevant.

9. Pilot/Rollout: Teststellung, Standortpilot, Imaging, MDM, Lieferwellen. Lieferfähigkeit bedeutet hier nicht «auf Lager». Es bedeutet: Gibt es einen Rollout-Plan, der intern kommuniziert und eingehalten werden kann?

10. Betrieb & Wiederkauf: Nachbestellungen, RMA, Reporting, Lifecycle. Eine reibungslose Erstbestellung kann langfristig trotzdem teuer werden – wenn Ersatzteile fehlen, Standards zerfallen oder Wiederkäufe wieder von vorne beginnen müssen.

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Der 5-Minuten-Check: Hält das Setup, was es verspricht?

Fünf Fragen reichen für eine erste strukturierte Einschätzung aus Corporate-Sicht.

1. Systemfit: Kommt das Setup in unsere P2P-Welt – via Punchout, OCI, cXML, EDI oder bestehende Plattformen – ohne manuellen Workaround?

2. Preislogik: Sind Konditionen, Rahmenverträge und Projektpreise nachvollziehbar, systemfähig und vertraglich abbildbar?

3. Skalierung: Gibt es Referenzen und einen Plan für Rollouts, nicht nur für Einzelbestellungen?

4. Compliance: Sind Datenschutz, IT-Security-Basics, Supportwege und Zuständigkeiten dokumentiert und intern prüfbar?

5. Transparenz: Gibt es belastbare Antworten zu ESG-Kennzahlen, CO₂-Daten und Lieferantenrisiko?

Bleiben zwei dieser Fragen offen, ist ein Anbieter nicht automatisch ausgeschlossen. Aber er gehört nicht ungeprüft in den Standardprozess eines Grossunternehmens.

Was den Unterschied macht: Weniger Reibung zwischen Abteilungen

Der bessere Anbieter für Corporate-Beschaffung ist nicht zwingend derjenige mit dem grössten Sortiment. Entscheidend ist, ob mehrere Ebenen zusammenspielen: Self-Service für Standardbedarf, Beratung für komplexere Fälle, Schnittstellen für Beschaffungssysteme, nachvollziehbare Konditionen, Lifecycle-Kompetenz und dokumentierte Prozesse.  Die Beratung erfolgt im Idealfall durch Expert:innen, beispielsweise Spezialized Sales oder Hersteller, weil die komplexe Produktmaterie immer mehr von den Spezialisten direkt abgestimmt werden muss. Key Account Manager dienen dabei oft als Vermittler und Gate Keeper.

Ein Setup, das diese Ebenen abdeckt, reduziert nicht nur Einkaufsaufwand. Es verringert auch die Reibung zwischen Abteilungen: Procurement muss weniger nachfassen. IT bekommt klarere Standards. Finance sieht Kosten und Konditionen transparenter. Security und Legal erhalten bessere Grundlagen für Prüfung und Freigabe.

Corporate Procurement denkt längst in Systemen, nicht mehr nur in Bestellungen. Der Warenkorb bleibt wichtig – aber im Konzern entscheidet oft das, was davor und danach passiert.

Maximilian Bauer

Marketing Manager Editorial Content

Ehemaliger Kulturjournalist, heute Unternehmenskommunikator mit B2B-Hintergrund in öffentlichen Institutionen und der Softwareindustrie. In meiner Freizeit dreht sich vieles um Technik in allen Facetten: eine zu grosse Gitarrensammlung, jede Menge Audio-Equipment und ungebrochene Musikleidenschaft. Dazu kommt das Fotografenauge – mit Schwäche für (leider) viel zu teure Kameras – und meine nostalgische Liebe zu PC-Spielen: von taktischen Shootern über Rollenspiele bis hin zu Strategie-Klassikern. Bei Brack darf ich über all das schreiben, was mich schon immer fasziniert hat.

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