
Happy Birthday, Barbie: Du hast jetzt Autismus
Happy Birthday, Barbie! Du bist jetzt bereits 67 Jahre alt. Ironischerweise passend zum aktuellen Trend «67», welcher auf sozialen Plattformen wie TikTok viral geht. Naja, so kennen wir dich doch - immer auf dem Laufenden mit den neuesten Trends. Anscheinend gilt dies auch für den Diversity-Trend, der seit mehreren Jahren in unserer Gesellschaft eine Rolle spielt und von der Gen Z gelebt wird. Ich frage mich: Handelt es sich um Inklusion oder um ein Schubladenprinzip?
Keine Fantasie, keine Kindheit – einfach nur hypersensibilisiert
Für viele stimmt das Bild von Barbie nicht. Sie sei zu perfekt, und dies würde einen unrealistischen Standard für die heutige Gesellschaft erzeugen. Beziehungsweise für die Kinder, nicht?
Seit Neuestem gibt es eine Barbie mit Autismus, welche unter anderem mit «geräuschunterdrückenden Kopfhörern» ausgestattet ist. Diese sind dafür gedacht, Barbie zu helfen, wenn sie überstimuliert ist. Frage: Wie viele 7-jährige Kinder wissen, was überstimuliert bedeutet?
Ebenfalls wird die Beweglichkeit der Puppe durch ihre flexiblen Ellbogen und Handgelenke so vermarktet, dass Kinder stimulierende Bewegungen nachspielen können, wenn sie empfindlich auf Reize reagiert. Sie soll auch flache Schuhe tragen, damit sie zusätzliche Stabilität hat – also nicht aus feministischen Gründen? Heisst das, jemand, der Autismus hat, sollte keine hohen Schuhe tragen? Aha, vielleicht doch nicht so «divers».
Als ich noch ein Kind war, spielte ich grösstenteils mit LEGO Ninjago. Ich interessierte mich selten für die Rollen, welche die Figuren in der Serie hatten, und spielte mit ihnen so, wie es mir gefiel. Oftmals setzte ich die Figuren neu zusammen und erfand welche, die nie in der Geschichte vorgekommen sind und auch stilistisch nicht zur Welt von Ninjago passten. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich heute so ein starkes Vorstellungsvermögen besitze.
Aber ich spielte auch mit Barbies. Klar könnte ich jetzt gross darauf eingehen, dass ich ein Junge bin und dass es auch okay ist, wenn Kinder männlichen Geschlechts mit Barbies spielen. Jedoch muss man nichts erklären, wenn es okay ist.
Jedenfalls interessierte ich mich nicht dafür, ob Barbie überstimuliert war, sondern vielmehr dafür, wie ich Geschichten mit den Puppen erschaffen konnte. Ich meine: Wieso gibt es genau eine Barbie mit Autismus? Ist es nicht möglich, dass bereits existierende Barbies ebenfalls Autismus haben? Kann nicht das Kind darüber entscheiden, wie sich die Puppe verhält oder fühlt?
Meine Mutter, die mit autistischen Personen arbeitet, fragte kürzlich in die Runde, was ihre Meinung zur Barbie mit Autismus sei. Grundsätzlich fanden sie es gut, dass Kinder bereits in frühem Alter dafür sensibilisiert werden. Die geräuschunterdrückenden Kopfhörer hielten sie jedoch für klischeehaft. Gleichzeitig wussten sie selbst nicht recht, wie man Autismus anders darstellen könnte. Das Spektrum sei schlicht zu breit. Sie fragten sich deshalb auch, wie man sonst Sichtbarkeit schaffen könnte. In einem Punkt waren sie mit mir einig: Jedes Kind sollte selbst entscheiden dürfen, ob – und in welcher Form – seine Barbie-Puppe Autismus hat.
Inklusion
Ob ihr es nach dem obigen Abschnitt glaubt oder nicht, ich bin tatsächlich ein grosser Fan von Inklusion. Wir sind vielfältig, und es gibt nicht den oder die eine:n Repräsentant:in der menschlichen Spezies. Beispielsweise schätze ich es sehr, dass es nicht nur hellhäutige, blonde Barbies mit blauen Augen gibt, sondern auch welche mit anderen ethnischen Hintergründen. Ebenfalls finde ich es wertvoll, Personen mit Einschränkungen oder solche, die nicht der gesellschaftlichen «Norm» entsprechen, zu inkludieren. Es gibt Personen mit Vitiligo, Personen, welche im Rollstuhl sind, Personen mit einer Beinprothese, Personen mit Down-Syndrom, usw. Dies sind alles physische Merkmale, auf die man gut eingehen kann, wenn man für Inklusion im Sortiment ist.
Problematisch sehe ich es eher bei psychischen Einschränkungen. Wenige Kinder können verstehen, was Autismus genau ist. Ich sehe die neue Barbie als ein Marketing-Trick, um dem Diversity-Trend – dazu später mehr – zu entsprechen. Denn seien wir ehrlich: Wie viele der Besitzer:innen werden die Kopfhörer der Puppe benutzen, weil sie überstimuliert ist, und nicht, weil sie einfach Musik hören will? Es sind Kopfhörer!
Ebenfalls gibt es auch schon eine Typ-1-Diabetes-Barbie. Ihr Outfit soll an die weltweite Symbolik für das Bewusstsein über Diabetes erinnern. Dieses ist ein blauer Kreis. «Ähh, sorry!» Ist das Allgemeinwissen? Ich im Alter von 20 Jahren hätte das nicht gewusst, und ich bezweifle, dass es Kinder ebenfalls wissen würden. Und wenn doch, habe ich Mitleid. Dürfen Kinder nicht naiv bleiben?
Natürlich ist es wichtig, Gesundheit in aller Form ernst zu nehmen. Gleichzeitig bleibt die Frage, ob die stetige Thematisierung komplexer gesellschaftlicher und gesundheitlicher Themen im Kinderzimmer wirklich der richtige Weg ist. Nicht jede gesellschaftliche Debatte muss Teil der frühen Kindheit sein – manchmal darf ein Spielzeug auch einfach Spielzeug bleiben und das Kinderzimmer ein Ort für Fantasie und Unbeschwertheit.
Diversity-Trend
Ich habe das Gefühl, in einer Generation zu leben, in welcher es nicht darum geht, Akzeptanz fürs Anderssein zu schaffen, sondern vielmehr darum, einem Trend nachzueifern. Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir immer zu hören bekamen, dass «normal» langweilig sei und alle mittlerweile finden, sie müssen irgendwie rausstechen – Hauptsache anders.
Es ist etwas Gutes, bestehende Normen zu hinterfragen und Raum für neue Normen zu schaffen. Gesellschaft lebt davon, sich weiterzuentwickeln und Vielfalt sichtbar zu machen. Problematisch wird es dann, wenn Vielfalt nicht gelebt, sondern etikettiert wird. Wenn Menschen nicht mehr einfach sein dürfen, sondern einer Kategorie entsprechen müssen, weil sich diese besser als Marketinginstrument nutzen lässt.
Die Förderung von Diversität unter den Menschen sollte natürlich geschehen und nicht durch Zwecknutzung. Ist es nicht unsensibel, Personen auf solche Dinge zu beschränken? Im Endeffekt sind Personen mit Autismus immer noch mehr als nur Personen mit Autismus.
Fazit
So schön es auch ist, dass sich die Gesellschaft von konservativen Ideologien trennt und sich weiterentwickelt, muss daraus nicht unbedingt immer eine Kampagne gemacht werden. Stattdessen könnte man beginnen, Themen wie Autismus auf natürliche Weise zu inkludieren. Beispielsweise durch einen neuen Film, in welchem Barbie tatsächlich Autismus hat, der Titel aber nicht gleich «Barbie – Wie sie mit Autismus umgeht» heisst.
Quelle Titelbild: Unsplash | Julee Juu
Lernender Mediamatiker
Schon früh zeigte sich meine Leidenschaft für kreative Ausdrucksformen. Ob auf der Theaterbühne, beim Tanzen oder als Wasserratte – Bewegung und Ausdruck geben mir Energie und Freiheit. Design und Fashion sind für mich mehr als Ästhetik: Ich liebe es, mit Formen, Farben und Stilen zu spielen und Inspiration im Alltag zu finden. Begleitet werde ich dabei ständig von Musik, in der ich mich gerne verliere und die meine Kreativität antreibt.
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