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Tradwife-Trend: Zwischen Wahlfreiheit, Sauerteig und alten Rollenbildern

Ein Kind möchte Cornflakes? Also wird erst einmal Getreide gemahlen. Der Mann hat Lust auf ein Sandwich? Dann backen wir selbstverständlich das Brot selbst. Und wenn wir schon dabei sind, können wir vermutlich auch noch kurz den Käse herstellen.

Wer schon einmal bei Nara Smith auf Social Media gelandet ist, kennt diese Welt: perfektes Make-up, wunderschöne Kleider, eine beruhigende Stimme und Essen, das konsequent von Grund auf entsteht.

Während ich stolz bin, wenn ich überhaupt noch etwas Essbares im Kühlschrank finde.

Nara Smith wird deshalb immer wieder mit einem Begriff in Verbindung gebracht: Tradwife. Dabei lehnt sie das Label selbst ab. Sie arbeitet als Model und Content Creatorin und sagt, sie und ihr Mann Lucky Blue Smith würden sich die Verantwortung für Familie und Haushalt teilen. 

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Was ist eine Tradwife?

Tradwife ist die Kurzform für «Traditional Wife». Gemeint sind Frauen, die bewusst ein traditionelles Rollenmodell leben oder inszenieren: Der Mann übernimmt meist die Rolle des Hauptverdieners, während die Frau sich stärker um Haushalt und Kinder kümmert. Auf Social Media wird dieser Lebensstil oft ästhetisch inszeniert – mit Kochen, Backen, Familie und viel «Homemaking». Wichtig: Die Tradwife-Szene ist vielfältig und reicht von persönlicher Lebensentscheidung bis hin zu stark konservativen Rollenbildern.

Und genau da wird es interessant. Denn vielleicht erzählt der Tradwife-Trend mindestens genauso viel über unsere eigenen Sehnsüchte wie über die Frauen, die wir dabei beobachten.

Warum schauen wir das so gerne?

Eigentlich ist an diesem Rollenmodell nichts neu. Verändert hat sich nur, wie schön es auf TikTok aussieht.

Keine Wäscheberge. Keine Diskussion darüber, wer WC-Papier kaufen sollte. Keine Kinder, die das liebevoll gekochte Abendessen anschauen und verkünden: «Ich mag das nicht.»

Stattdessen: Ruhe. Ordnung. Familie. Selbst gemachtes Essen. Ein Alltag, der irgendwie langsamer aussieht als unserer.

Und genau das könnte ein Teil der Faszination sein.

Nach Girlboss kommt Sauerteig

Denn jahrelang lautete die Botschaft: Du kannst alles haben.

Karriere. Familie. Beziehung. Freundschaften. Sport. Reisen. Selbstfürsorge. Ein schönes Zuhause. Und acht Stunden Schlaf wären natürlich auch noch gesund.

Aus «Du kannst alles» wurde irgendwann fast ein «Du solltest alles».

Kein Wunder, dass ein Leben ohne ständige Selbstoptimierung plötzlich ziemlich attraktiv aussieht. Vielleicht steckt hinter der Tradwife-Faszination deshalb gar nicht nur der Wunsch nach traditionellen Rollenbildern, sondern auch eine gewisse Müdigkeit gegenüber der Hustle- und Girlboss-Kultur.

Weniger leisten. Weniger optimieren. Mehr Zeit.

Auch wenn diese Zeit offenbar direkt wieder dafür verwendet wird, Butter selbst zu machen.

Ist das nicht auch Wahlfreiheit?

Und dann kommt die Frage, bei der es kompliziert wird. Wenn Selbstbestimmung bedeutet, dass Frauen ihr Leben frei gestalten dürfen, gehört dazu auch die Entscheidung, Hausfrau zu sein.

Karriere? Klar. Keine Kinder? Klar. Zu Hause bleiben und sich um die Familie kümmern? Ebenfalls klar. Schwierig wird es für mich dort, wo aus «Ich möchte so leben» ein «Frauen sollten so leben» wird.

Denn innerhalb der Tradwife-Szene gibt es auch extremere Stimmen, die nicht nur moderne Rollenbilder ablehnen, sondern sogar politische Gleichberechtigung infrage stellen – bis hin zur Ansicht, Frauen sollten nicht wählen. 

Da reden wir nicht mehr darüber, wer zu Hause den Sauerteig füttert. Es ist ein Unterschied, ob eine Frau selbst eine traditionelle Rolle wählt oder anderen Frauen Rechte und Entscheidungen absprechen möchte.

Das eine ist Wahlfreiheit. Das andere stellt genau diese Wahlfreiheit infrage.

Wie weit solche Vorstellungen gehen können, zeigt dieses Video über eine Tradwife, die findet, Frauen sollten weder arbeiten noch wählen.

Was der perfekte Feed gerne vergisst

Und selbst wenn die Entscheidung freiwillig ist, hat das traditionelle Modell Seiten, die sich weniger gut in einem 30-Sekunden-Video machen.

Wer über Jahre keiner Erwerbsarbeit nachgeht, kann finanziell vom Partner abhängig werden. Altersvorsorge, Wiedereinstieg nach einer Trennung oder die Anerkennung unbezahlter Care-Arbeit sind deutlich weniger ästhetisch als selbst gebackenes Brot – aber nicht weniger real.

TikTok zeigt eben lieber den Sauerteig als den Vorsorgeausweis. 

Dazu kommt ein ziemlich spannender Widerspruch: Einige Frauen, die online eine traditionelle Hausfrauenästhetik zeigen, verdienen genau damit ihr eigenes Geld. Sie drehen Videos, bauen Communities auf, schliessen Kooperationen ab und machen aus dem traditionellen Hausfrauenleben ein modernes digitales Business.

Auch Nara Smith zeigt, warum das Label «Tradwife» nicht immer so einfach passt. Sie erfüllt optisch vieles, was wir inzwischen damit verbinden – arbeitet aber gleichzeitig selbst.

Ästhetik und Lebensmodell sind eben nicht dasselbe.

Vielleicht wollen wir gar nicht zurück

Und vielleicht ist das der interessanteste Gedanke am ganzen Trend. Was, wenn viele von uns gar nicht von alten Rollenbildern träumen? Sondern einfach von Zeit.

Zeit zum Kochen. Für Familie. Für ein Zuhause, das nicht nur der Ort ist, an dem man zwischen Arbeit, Gym und dem nächsten Termin kurz die Tasche abstellt. Zeit für Dinge, die nicht effizient sein müssen.

Vielleicht schauen wir also gar nicht sehnsüchtig auf die Hausfrau der 1950er-Jahre. Vielleicht schauen wir auf eine Frau, die an einem Dienstagmittag entspannt Butter selbst macht, und denken einfach: Wie schön muss es sein, für so etwas Zeit zu haben?

Und genau da liegt für mich der Unterschied. Man kann sich nach Entschleunigung sehnen, ohne sich nach alten gesellschaftlichen Strukturen zu sehnen. Man kann sich für ein traditionelles Familienmodell entscheiden, ohne daraus ein Modell für alle anderen zu machen.

Vielleicht müssen wir den Tradwife-Trend deshalb auch gar nicht eindeutig gut oder schlecht finden.

Aber wir dürfen uns fragen, warum dieses perfekt inszenierte, langsamere Leben gerade jetzt so verlockend aussieht.

Vielleicht liegt die Antwort weniger im traditionellen Frauenbild als in unserer ziemlich erschöpften Gegenwart.

Und vielleicht möchten wir wirklich alle einmal genug Zeit haben, um Butter selbst zu machen.

Ich würde sie allerdings kaufen.  

Tamara Lenz

Marketing Manager Editorial Content

Beauty, Trends und kreative Inhalte haben mich schon immer begeistert – früher mit dem Traum, irgendwann mal Prinzessin zu werden, heute mit der Leidenschaft für Texte, die sich jung, spannend und nicht nach Standard anfühlen. Wenn ich nicht gerade schreibe oder auf TikTok im nächsten Trend-Rabbit-Hole verschwinde, findet man mich wahrscheinlich im Gym, irgendwo am See in der Sonne oder gedanklich schon auf der nächsten Reise. Und sobald ich am Meer bin, verliere ich sowieso komplett jedes Zeitgefühl.

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