
Plötzlich sind wir alle True-Crime-Expert:innen
Ein Gerichtsprozess geht viral und plötzlich analysieren wir Aussagen, suchen nach Motiven und warten auf das nächste Update. Warum uns True Crime psychologisch so fesselt – und wir dabei manchmal vergessen, dass hinter dem «Content» echte Menschen stehen.
Eigentlich wollte ich nur kurz auf TikTok. Dann kam ein Video zum aktuell laufenden Prozess gegen Lindsay Clancy. Dann eine Zusammenfassung. Eine Analyse. Die Gegenanalyse zur Analyse. Und plötzlich kenne ich Namen, Zeitabläufe und Theorien zu einem amerikanischen Gerichtsprozess, von dessen Existenz ich wenige Tage zuvor nicht einmal wusste.
Ich habe weder Jura noch Kriminologie studiert. Trotzdem ertappe ich mich bei Gedanken wie: Also DAS ist jetzt aber verdächtig. Offenbar bin ich nicht allein.
Wir hatten das doch schon einmal
Erinnerst du dich an Johnny Depp und Amber Heard? 2022 sass gefühlt das halbe Internet mit im Gerichtssaal. Der Prozess wurde live übertragen, TikTok und YouTube zerlegten Aussagen in Einzelteile, Gesichtsausdrücke wurden analysiert und aus Gerichtsmomenten entstanden Memes. Plötzlich hatte jede und jeder eine Theorie.
Dasselbe Muster zeigt sich heute bei anderen öffentlich übertragenen Fällen wieder. Nur stellt sich dabei eine interessante Frage: Warum sind wir eigentlich so dermassen investiert in das Leben völlig fremder Menschen?
Unser Gehirn liebt das Unheimliche
Dafür gibt es tatsächlich einen Begriff: morbide Neugier. Klingt erst einmal so, als hätten wir alle ein kleines Problem. Dahinter steckt aber nicht automatisch Freude am Leid anderer.
Menschen interessieren sich besonders für Informationen über Gefahren, Gewalt und aussergewöhnliche Situationen. Forschende sehen darin unter anderem eine Möglichkeit, Bedrohungen besser zu verstehen und Unsicherheit zu reduzieren.
Wir wollen wissen: Warum ist das passiert? Hätte man es erkennen können? Könnte mir so etwas auch passieren?
True Crime lässt uns etwas Bedrohliches aus sicherer Entfernung betrachten. Ich kann versuchen, einen schrecklichen Fall zu verstehen – während ich mit einer Tasse Tee auf dem Sofa sitze. Unser Gehirn bekommt die Gefahr. Unser Körper bleibt sicher. Ziemlich praktischer Deal.
Vielleicht schauen wir gerade deshalb hin
Besonders spannend ist die sogenannte defensive Wachsamkeit. Eine 2025 veröffentlichte Studie im British Journal of Psychology untersuchte Motive hinter True-Crime-Konsum und fand neben morbider Neugier und Spannung auch Hinweise auf genau dieses Bedürfnis: Wir sammeln Informationen über gefährliche Menschen und Situationen, weil sie uns helfen könnten, Bedrohungen besser einzuschätzen.
Das könnte auch mit erklären, warum True Crime besonders viele Frauen fasziniert. Vielleicht schauen wir also nicht hin, obwohl uns etwas Angst macht. Sondern teilweise, gerade weil es uns Angst macht. Wenn wir verstehen, wie etwas Schreckliches passieren konnte, wirkt die Welt zumindest für einen Moment ein bisschen berechenbarer.
TikTok kennt unsere Schwachstelle
Unsere Neugier ist nicht neu. Neu ist, dass sie heute einen ziemlich guten persönlichen Assistenten hat: den Algorithmus.
Ein Video interessiert mich? Hier sind zwölf weitere.
Eine Theorie finde ich überzeugend? Perfekt, hier sind Menschen, die sie ebenfalls überzeugend finden.
Das trifft auf einen weiteren psychologischen Mechanismus: den Confirmation Bias, also den Bestätigungsfehler. Wir neigen dazu, Informationen stärker wahrzunehmen und zu gewichten, wenn sie zu dem passen, was wir ohnehin bereits glauben.
Und plötzlich denke ich: Wie kann man das bitte anders sehen?
Während jemand mit der gegenteiligen Meinung gerade exakt dasselbe denkt.
Drei TikToks später: Expertin
Dann wird aus Neugier schnell Mitermitteln. Wir analysieren Körpersprache. Medikamentenwirkungen. Beziehungen. Zeugenaussagen. Psychische Erkrankungen. Amerikanisches Strafrecht. Und natürlich den Gesichtsausdruck einer Person während exakt 1,7 Sekunden.
Social Media belohnt schliesslich selten Unsicherheit. «Wir können anhand dieser Informationen noch kein abschliessendes Urteil fällen» klingt vernünftig.
«THIS CHANGES EVERYTHING» klingt nach 2,4 Millionen Views.
Und schon wird aus einem komplexen Gerichtsverfahren eine Geschichte mit Plot Twists, Cliffhangern und zwei Lagern.
Das hier ist aber keine Netflix-Serie
Genau hier kippt die Faszination für mich. Beim Prozess zwischen Johnny Depp und Amber Heard wurde besonders sichtbar, was passiert, wenn ein realer Gerichtsfall gleichzeitig Internet-Unterhaltung wird. Aus Aussagen über mutmassliche Gewalt entstanden Memes und Reaction-Videos. Und dabei vergessen wir etwas erstaunlich Einfaches: Diese Menschen sind keine Figuren.
Hinter dem Fall, der gerade unsere For You Page dominiert, können Menschen stehen, die jemanden verloren haben. Opfer, deren schlimmste Erlebnisse von Fremden analysiert werden. Angehörige, die theoretisch mitlesen können, wie Tausende Menschen über ihre Familie spekulieren.
Der «Plot Twist», auf den wir gespannt warten, kann für einen anderen Menschen der schlimmste Moment seines Lebens sein.
Das nächste «krasse Detail» ist für jemanden vielleicht eine Erinnerung, mit der er für immer leben muss.
Wir dürfen neugierig sein
Ich werde deshalb vermutlich trotzdem nicht plötzlich jedes True-Crime-Video wegscrollen. Neugier ist menschlich. Und True Crime kann uns dazu bringen, uns mit Psychologie, Recht und gesellschaftlichen Problemen auseinanderzusetzen.
Vielleicht müssen wir uns nur öfter daran erinnern, wie wir zuschauen. Wir können versuchen zu verstehen, ohne uns zu Richterinnen und Richtern zu ernennen. Wir können einen Fall verfolgen, ohne «Teams» zu bilden. Und wir können zugeben, dass 25 TikToks immer noch kein Jurastudium ersetzen.
Denn egal, wie sehr sich ein Fall wie eine Serie anfühlt: Es gibt keinen Abspann. Und die Menschen darin müssen weiterleben, auch wenn wir längst zum nächsten Video gescrollt haben.
Quelle Titelbild: Unsplash | Nik
Marketing Manager Editorial Content
Beauty, Trends und kreative Inhalte haben mich schon immer begeistert – früher mit dem Traum, irgendwann mal Prinzessin zu werden, heute mit der Leidenschaft für Texte, die sich jung, spannend und nicht nach Standard anfühlen. Wenn ich nicht gerade schreibe oder auf TikTok im nächsten Trend-Rabbit-Hole verschwinde, findet man mich wahrscheinlich im Gym, irgendwo am See in der Sonne oder gedanklich schon auf der nächsten Reise. Und sobald ich am Meer bin, verliere ich sowieso komplett jedes Zeitgefühl.
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