
Unsere Büroschnecken – Was wirklich hinter den Schleimern steckt
Sie sitzen unter uns. Unauffällig, geduldig und unglaublich langsam. Dieter und Thomas heissen die beiden. Nach monatelanger Beobachtung während Kaffeepausen, Team-Meetings und diverser Deadline-Krisen kann ich es jetzt enthüllen: Thomas und Dieter waren nie einfach nur Ersatzspieler auf der Bank, sondern eine unverzichtbare Ergänzung für das Marketing-Team.
Die Fakten
Zwei Schnecken, «langsam» «schleimig» und «gummig». Während drumherum Content-Kalender gefüllt und Teaser getextet wurden, machten Thomas und Dieter das, was Schnecken am besten können: nichts überstürzen.
Dieter und Thomas sind grosse Achatschnecken, auch Ostafrikanische Riesenschnecken genannt. Vor ungefähr 14 Jahren entschied sich unser Mitarbeiter Patrick, Schnecken ins Büro zu holen. Seine Begründung: Ein Haustier im Hause Brack sei doch lustig. Als eine ehemalige Mitarbeiterin erzählte, dass ihre Freundin frisch geschlüpfte Achatschnecken besitzt, brauchte es nicht lange, bis Patrick diese für uns aufnahm. Seitdem werden sie von ihm und seinem Team betreut und gepflegt. Landschnecken wie diese können eine Länge von 30 cm erreichen. Dabei wächst das Gehäuse mit und wird bis zu 20 cm gross. Dadurch gehören sie zu den grössten Schneckenarten der Welt.
Schnecken klingen anfangs unspektakulär, jedoch haben sie mehr im Häuschen als man denkt. Schon mit dem Start ins Leben verfügen sie über die ersten auffallenden Merkmale. Neben Herz, Lunge oder Kiemen – je nach Art – und einem Nervensystem, besitzen Schnecken sowohl männliche wie auch weibliche Geschlechtsorgane. Heisst also: Schnecken sind Zwitter. Ich weiss nun nicht, ob es gescheit war, unsere Schnecken mit «ultramaskulinen» Namen (Thomas und Dieter) zu benennen, aber wie die Franzosen immer gern essen, ähh, ich meine sagen: «C'est la vie».
Ebenfalls sind Schnecken in der Lage, sich an ihre Umgebung zu erinnern. Dazu gehört eigentlich auch der Futternapf, wobei ich der Meinung bin, dass Thomas, aus Angst ihn nicht mehr zu finden, den ganzen Tag darin liegt.
Die Beziehung
Insider berichten: Thomas war schon immer der Ehrgeizigere der beiden. Schneller am Salatblatt, öfters sichtbar, quasi der informelle Teamleiter des Terrariums. Dieter dagegen – ruhiger, bedächtiger, der Typ Kollege, der lieber im Hintergrund blieb.
Aufgrund dessen, dass die meisten Schneckenarten Zwitter sind, unter anderem auch Dieter und Thomas, ist es möglich, sich untereinander fortzupflanzen – in Ausnahmefällen sogar mit sich selbst. Lange waren wir der Meinung, dass sich die beiden aufgrund des Rivalenkampfes nicht paaren würden. Beide meinten jeweils, sie hätten die besseren Marketingideen. Und ich dachte mir, die Dating-Szenerie in der Schneckenwelt wäre ohne stereotypische Rollenbilder einfacher. Dann stellte sich heraus: Die beiden erlebten ihre eigene Enemies-to-Lovers-Story und haben nicht nur einmalsondern drei- bis viermal Eier gelegt. Aus Kapazitätsgründen mussten wir diese weitergeben.
Aber wenn sich Schnecken paaren, legen sie Eier und lagern diese in feuchter Erde oder unter Laub, gut geschützt vor Austrocknung – und das gleich im grossen Stil: Ein Gelege kann zwischen 100 und 500 Eier umfassen. Angesichts dieser Zahl war es vermutlich ganz gut, dass es zwischen Thomas und Dieter nie so weit kam – das Terrarium hätte es kaum überlebt. Je nach Art und Temperatur schlüpfen daraus nach einigen Wochen winzige, komplett ausgestattete Mini-Schnecken – sogar mit einem Hausplan für die Zukunft. Denn Schnecken schlüpfen mit einem kleinen Primärgehäuse, das mit der Schnecke selbst wächst.
Eine traurige Wendung
Diese Recherche muss an dieser Stelle die Tonlage wechseln. Thomas weilt nicht mehr unter uns. Am Morgen vom 6. November 2023 kamen wir ins Büro und nur noch eine von zwei Schnecken regte sich im Terrarium.
Die Todesursache war das stolze Alter von elf Jahren.
Auch das gehört zur Wahrheit über Schnecken: Ihre Lebenserwartung hängt stark von Haltung, Art und Umständen ab, und nicht jede Schnecke erreicht das Alter, das biologisch möglich wäre. Im Falle von Achatschnecken wäre das sieben bis acht Jahre. Manche Schneckenarten können sogar ein Alter von über zehn Jahren erreichen. Wir können stolz sagen, dass die Schnecken durch die fürsorgliche Betreuung von Patrick ihre durchschnittliche Lebenserwartung übertroffen haben. Die Vorstellung, «eine Schnecke lebt halt kurz», stimmt also nur bedingt – und Thomas ist ein schönes Beispiel dafür.
Dieter selbst schien die Veränderung zumindest kurzzeitig zu bemerken: mehr Zeit an der Terrariumscheibe, weniger Bewegung als sonst. Ob das «Trauer» im menschlichen Sinn war, lässt sich wissenschaftlich nicht behaupten. Schnecken verfügen nicht über die neuronalen Strukturen, die man für komplexe Emotionen wie beim Menschen benötigt. Verhaltensänderungen nach Veränderungen im Umfeld sind bei Schnecken aber durchaus dokumentiert.
Ob und wie Schnecken ihr Leben geniessen, weiss ich nicht, aber hoffentlich so, wie wir Menschen es auch sollten. Und vielleicht können wir uns sogar etwas von ihnen abschauen: dass Gemütlichkeit manchmal besser ist, als im Eiltempo durchs Leben zu hetzen.
Quelle Titelbild: Brack.Alltron | Patrick Hoerdt
Lernender Mediamatiker
Schon früh zeigte sich meine Leidenschaft für kreative Ausdrucksformen. Ob auf der Theaterbühne, beim Tanzen oder als Wasserratte – Bewegung und Ausdruck geben mir Energie und Freiheit. Design und Fashion sind für mich mehr als Ästhetik: Ich liebe es, mit Formen, Farben und Stilen zu spielen und Inspiration im Alltag zu finden. Begleitet werde ich dabei ständig von Musik, in der ich mich gerne verliere und die meine Kreativität antreibt.
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