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Für welchen Tag hebst du das auf?

Der perfekte Tag müsste eigentlich längst überfordert sein. Er soll wichtig genug für die schöne Kerze sein, besonders genug für das neue Notizbuch und passend genug für die Sticker in der Schublade. Wir laden erstaunlich viele Erwartungen auf einen Tag, von dem niemand weiss, wann er stattfindet.

Die Schublade

Ich bin überzeugt, jede Person hat diese eine Schublade. Die Schublade mit Sachen, die auf ihren grossen Moment warten. Sticker, die aufgeklebt werden sollten. Postkarten, die nie verschickt wurden. Vielleicht sogar ein Gutschein, der bis heute auf den richtigen Anlass wartet. Meine Schublade existiert jedenfalls.

Das Interessante daran: Die Sachen dort sind nicht vergessen. Im Gegenteil. Oft sind es gerade die Sachen, die uns besonders wichtig sind, die dort landen. Die schönsten Sticker. Die Badebombe für den Wellnessabend. Das DIY-Bastelset, das man an einem kreativen Nachmittag ausprobieren wollte.

Irgendwann werden sie zu etwas, das wir später benutzen möchten. Wenn der richtige Moment gekommen ist. Wann dieser Moment sein soll? Gute Frage.

Nicht heute, vielleicht später

Besonders spannend finde ich, dass wir das nicht nur mit Stickern machen. In vielen Haushalten gibt es beispielsweise das gute Geschirr. Das Geschirr, das nur hervorgeholt wird, wenn Besuch kommt.

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Für Gäste holen wir oft das schöne Geschirr hervor. Für uns selbst scheint die Alltagstasse zu reichen. Quelle: Unsplash | Curated Lifestyle

Die spannende Frage ist eigentlich: Weshalb ist Besuch wichtiger als wir selbst?

Ähnlich ist es bei Parfüm. Die teure Flasche wird sparsam verwendet. Schliesslich soll sie möglichst lange halten. Das schöne Kleid bleibt für besondere Anlässe im Schrank. Und die Kerze steht seit Monaten im Regal, weil der richtige Abend noch nicht gekommen ist.

Manchmal frage ich mich, ob wir wirklich auf einen Anlass warten oder ob wir schlicht nie entscheiden können, welcher Anlass gut genug wäre.

Warum warten wir eigentlich?

Die Flasche Wein soll nicht an einem gewöhnlichen Dienstagabend geöffnet werden. Die Badebombe nicht für einen x-beliebigen Sonntagabend verwendet werden. Und das Rezept aus den Screenshots verdient mehr als einen spontanen Versuch nach dem Feierabend. Zumindest rede ich mir das gerne ein.

Wenn ich ehrlich bin, weiss ich oft selbst nicht, worauf ich eigentlich warte. Auf einen besonderen Abend? Einen Geburtstag? Besuch? Vielleicht sogar auf eine bessere Version von mir selbst? Eine Version, die kreativer ist. Mutiger. Inspirierter. Jemand, der genau weiss, was in dieses Notizbuch gehört oder wohin dieser Sticker geklebt werden soll.

Das Problem ist nur: Während wir auf diesen perfekten Moment warten, passiert erstaunlich wenig. Das Puzzle bleibt ungeöffnet im Regal. Das Fotobuch-Projekt unfertig. Und das Notizbuch bleibt genau das, was es vorher war: ein Notizbuch mit leeren Seiten. Manchmal habe ich das Gefühl, wir bewahren schöne Sachen so lange auf, bis wir vergessen, weshalb wir sie überhaupt gekauft haben.

Project Pan: Endlich benutzen statt aufbewahren

Die gute Nachricht: Mit meiner Schublade bin ich offenbar nicht allein. Auf Social Media gibt es mittlerweile sogar ganze Communitys, die sich mit genau diesem Phänomen beschäftigen. Besonders bekannt ist dabei das sogenannte Project Pan. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Beauty-Welt und beschreibt das Ziel, Produkte tatsächlich aufzubrauchen, statt ständig neue zu kaufen oder angebrochene Produkte jahrelang aufzubewahren.

@jessportra A little late to the trend, but it’s never too late to save more money and consume less :) #finance #personalfinance #moneytips ♬ original sound - Jess 👩🏻‍💻📈🌱

Inzwischen hat sich die Idee längst auf andere Bereiche ausgeweitet. Menschen dokumentieren aufgebrauchte Lebensmittel, eingelöste Gutscheine oder Projekte, die jahrelang aufgeschoben wurden. Andere räumen Schubladen aus, tragen die Kleidung, die sie bisher nur für besondere Anlässe aufgehoben haben, oder benutzen endlich die Gesichtsmaske, die seit Monaten im Badezimmerschrank liegt.

Mein erster Gedanke war: Dafür braucht es wirklich eine Challenge? Schliesslich klingt das nach einer Selbstverständlichkeit. Offensichtlich ist es das aber nicht. Sonst würden Gutscheine nicht kurz vor ihrem Ablaufdatum wieder auftauchen, das gute Geschirr nicht nur an Feiertagen auf den Tisch kommen und das besonders schöne Geschenkpapier nicht seit Jahren auf das eine Geschenk warten, das gut genug ist.

Offensichtlich stellen sich viele Menschen dieselbe Frage wie ich: Worauf warten wir eigentlich?

Der perfekte Tag hat abgesagt

Ich begann mich zu fragen, wie der perfekte Tag eigentlich aussieht.

Kommt er mit einer Geburtstagstorte vorbei? Meldet er sich vorher per WhatsApp an? Oder steht er plötzlich vor der Tür und erklärt feierlich, dass heute endlich der richtige Zeitpunkt für die Wanderung ist, die man seit Monaten machen wollte?

Spätestens an diesem Punkt wurde mir klar, wie seltsam dieser Gedanke eigentlich ist. Denn, obwohl wir auf diesen Moment warten, können die wenigsten ihn wirklich beschreiben. Stattdessen verschieben wir alles immer weiter nach hinten. Auf die Ferien. Auf Besuch. Auf den nächsten Geburtstag.

Und während wir noch warten, geht das Leben längst weiter.

Mein Fazit

Der perfekte Tag müsste mittlerweile einen erstaunlich vollen Terminkalender haben. Neben der Kerze wartet schliesslich auch das gute Geschirr auf ihn, dazu ein unbenutzter Gutschein, die teure Gesichtsmaske und vermutlich noch ein paar Sticker in irgendeiner Schublade.

Wenn ich heute in meine eigene Schublade schaue, liegen die Sticker immer noch dort. Nicht weil ich sie vergessen habe. Sondern weil ich bis heute nicht weiss, welcher Moment perfekt genug für sie sein soll.

Der spannende Gedanke ist eigentlich: Dieser Moment existiert nur in meinem Kopf. Kein Dienstag, kein Geburtstag und kein Besuch können mit einer Vorstellung mithalten, die nie konkret wird.

Deshalb bleibt der perfekte Tag wohl überfordert. Ein gewöhnlicher Dienstag hat deutlich weniger Ansprüche. Er muss nichts verdienen und niemandem etwas beweisen. Trotzdem eignet er sich erstaunlich gut für das gute Geschirr, die teure Schokolade oder die Kerze, die seit Monaten auf ihren grossen Auftritt wartet.

Ashley Schibler

Lernende Mediamatikerin

Wahrscheinlich plane ich gerade meine nächste Reise oder mache mir Gedanken darüber, wo mein Weg mich noch hinführt. Ich beschäftige mich gerne mit Ernährung, dem weiblichen Zyklus und Persönlichkeitsentwicklung, weil ich es spannend finde, Zusammenhänge zu verstehen und Neues dazuzulernen. Gleichzeitig liebe ich es, die kleinen Dinge im Alltag zu geniessen, neue Restaurants auszuprobieren und Inspiration in den unterschiedlichsten Momenten zu finden.

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Heute ist Anlass genug

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