
Warum fühlen sich Ferien als Kind länger an?
Als Kind fühlten sich die Sommerferien wie ein eigenes kleines Leben an. Die Ferien fühlen sich heute so kurz an, dass man den Koffer gefühlt gerade erst ausgepackt hat und kurz darauf schon wieder für die Heimreise packen muss . Natürlich haben viele Erwachsene weniger Ferien als Kinder. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass das nicht die ganze Antwort ist.
Die längsten fünf Minuten
«Wann sind wir endlich dort?»
Davon können die meisten Eltern vermutlich ein Lied singen. Ob auf dem Weg in die Schule, zum Arzt, in die Ferien oder zu einem Ausflug: Die Frage taucht meist spätestens nach wenigen Minuten auf.
Dabei finde ich genau das interessant. Wenn Eltern antworten, dass es noch fünf Minuten dauert, fühlen sich diese fünf Minuten für Kinder oft deutlich länger an als für Erwachsene.
Heute kann ich eine halbe Stunde im Zug sitzen, ein paar E-Mails beantworten und schon bin ich angekommen. Als Kind hingegen konnte sich dieselbe Strecke wie eine kleine Weltreise anfühlen.
Zeit ist Zeit. Oder?
Mir ist bewusst, dass viele von uns als Kinder mehr Ferien hatten als heute. Wer arbeitet, hat selten dreizehn Wochen Ferien. Schon deshalb wäre es unfair, beides direkt miteinander zu vergleichen.
Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass dabei etwas fehlt. Die Zahl der Ferientage erklärt zwar, weshalb unsere Ferien heute kürzer sind. Sie erklärt aber nicht, weshalb sich die Zeit selbst anders anfühlt.
Schliesslich fühlen sich nicht nur Ferien anders an. Auch die Zeit bis Weihnachten, der eigene Geburtstag oder der nächste Ausflug schienen früher deutlich länger zu dauern. Als Kind konnte man wochenlang auf etwas hinfiebern. Heute überrascht es mich, wenn plötzlich schon wieder Weihnachten vor der Tür steht. Die Zeit ist nicht schneller geworden. Warum fühlt sie sich trotzdem so anders an?
Dazu kommt noch etwas anderes. Für ein zehnjähriges Kind ist ein Jahr ein Zehntel des bisherigen Lebens. Für eine vierzigjährige Person nur noch ein Vierzigstel. Das erklärt nicht alles. Aber es hilft zu verstehen, weshalb sich Zeit mit zunehmendem Alter manchmal anders anfühlt.
Ferien beginnen heute später
Tag 1–2: Endlich Ferien. Erst einmal ausschlafen, Koffer auspacken und langsam realisieren, dass keine Meetings anstehen.
Tag 3–4: Im Kopf beantwortet man noch immer E-Mails, obwohl längst keine mehr kommen.
Tag 5–7: Die Ferien fühlen sich langsam tatsächlich wie Ferien an.
Tag 8–10: Entspannung. Endlich.
Tag 11–12: Der Gedanke taucht auf, dass die Ferien schon bald vorbei sind.
Tag 13: Kurz überlegen, was nach den Ferien alles erledigt werden muss.
Tag 14: Plötzlich steht der Koffer wieder im Schlafzimmer.
Natürlich laufen nicht alle Ferien so ab. Dennoch kommt mir dieser Ablauf erstaunlich bekannt vor. Als Kind schienen Ferien häufig in dem Moment zu beginnen, in dem die Schulglocke zum letzten Mal klingelte. Heute brauchen sie oft erst etwas Anlaufzeit.
Früher war mehr neu
Die Zeit vergeht nicht schneller als früher. Eine Minute dauert mit sechs Jahren 60 Sekunden und mit sechzig Jahren noch immer 60 Sekunden. Der Unterschied liegt vermutlich darin, was in diesen 60 Sekunden passiert.
Als Kind war vieles neu. Vielleicht hörte man zum ersten Mal das Meer rauschen. Man sammelte Muscheln am Strand, beobachtete die Wellen oder entdeckte einen Ort, den man noch nie zuvor gesehen hatte. Für Erwachsene sehen dieselben Wellen oft aus wie die Wellen vom letzten Sommer. Das bedeutet nicht, dass sie weniger schön sind. Sie überraschen uns einfach seltener.
Unser Gehirn liebt neue Erfahrungen. Neue Erlebnisse werden vom Gehirn intensiver verarbeitet und bleiben stärker in Erinnerung. Routinen hingegen verschwimmen leichter miteinander.
Vielleicht wirkten Sommerferien deshalb damals länger an. Nicht weil die Zeit langsamer verging, sondern weil mehr Dinge zum ersten Mal passierten.
Die verlorene Kunst der Langeweile
30 Minuten nichts tun. Keine Planung. Kein Gespräch. Kein Handy. Einfach sitzen und den eigenen Gedanken zuhören.
Klingt unvorstellbar?
Als Kind gehörte genau das oft zu den Ferien. Irgendwann war jeder beschäftigt, das Freibad hatte schon geschlossen oder man wusste schlicht nicht, was man tun sollte. Also sass man herum. Schaute aus dem Fenster. Beobachtete Wolken. Oder erzählte den Eltern zum zehnten Mal, dass einem langweilig sei.
Heute passiert das deutlich seltener. Kaum entstehen ein paar freie Minuten, werden sie gefüllt. Mit TikTok, Online-Shopping oder Serien. Langeweile ist selten geworden.
Dabei frage ich mich manchmal, ob genau diese ruhigen Momente ein Teil dessen waren, was Ferien früher so lang wirken liess. Wer stundenlang nichts tut, erlebt die Zeit anders als jemand, der von einer Beschäftigung zur nächsten springt.
Die ersten Minuten fühlen sich vermutlich für viele ungewohnt an. Fast so, als müsste man etwas verpassen. Doch genau dieses Gefühl zeigt, wie selten solche Momente geworden sind. Früher nannte man es Langeweile. Heute wirkt eine halbe Stunde ohne Ablenkung fast wie ein kleines Experiment.
Mein Fazit
Die Zeit vergeht heute nicht schneller als früher. Eine Minute dauert noch immer sechzig Sekunden. Ein Sommertag aus der Kindheit fühlt sich jedoch oft länger an als eine ganze Ferienwoche als Erwachsene.
Es liegt vermutlich daran, dass früher mehr Dinge zum ersten Mal passiert sind. Und auch daran, dass Langeweile damals noch ganz selbstverständlich zu den Ferien gehörte.
Sicher bin ich mir nur bei einer Sache: Damals fühlten sich fünf Wochen Sommerferien wie eine Ewigkeit an. Und manchmal vermisse ich dieses Gefühl mehr, als ich zugeben möchte.
Quelle Titelbild: Unsplash | Curated Lifestyle
Lernende Mediamatikerin
Wahrscheinlich plane ich gerade meine nächste Reise oder mache mir Gedanken darüber, wo mein Weg mich noch hinführt. Ich beschäftige mich gerne mit Ernährung, dem weiblichen Zyklus und Persönlichkeitsentwicklung, weil ich es spannend finde, Zusammenhänge zu verstehen und Neues dazuzulernen. Gleichzeitig liebe ich es, die kleinen Dinge im Alltag zu geniessen, neue Restaurants auszuprobieren und Inspiration in den unterschiedlichsten Momenten zu finden.
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