
Critical Mass – Fahrräder nehmen die Strassen ein
Hunderte Velos, ein Freitag im Monat und eine Bewegung, die seit 1992 den öffentlichen Raum neu denkt und das gemeinsame Velofahren ins Zentrum stellt. Die Critical Mass ist keine Demo, kein Umweltprotest – sondern ein rollender Gegenentwurf zum Alltag, der uns still voneinander trennt. Was dahintersteckt, hat mich selbst überrascht.
Critical Mass und deren Hintergrund
Eine einfache Velofahrt ist es nicht unbedingt. Die Critical Mass ist eine weltweite Bewegung, die in zahlreichen Städten stattfindet. Das Ziel: «dem motorisierten Verkehr auf Augenhöhe zu begegnen». Hunderte von Fahrradfahrenden schliessen sich zusammen und absolvieren eine zuvor festgelegte Strecke. Die Aktion, welche nicht mit einer Demonstration verglichen werden soll, sondern als «spontanes, grosses Verkehrsaufkommen von Velos» gilt, findet jeweils am letzten Freitag des Monats statt.
Unter Augenhöhe versteht man hierbei, dass die Zweiradkompanie auf dem Motorverkehr als Minderheit wahrgenommen wird. Doch gemeinsam kann der Verkehr zurückerobert werden.
Critical Massifesto – eine Kritik am «spätkapitalistischen Leben».
Die Bewegung entstand 1992 in San Francisco und versteht sich als mehr als nur eine Initiative für mehr Grün in der Stadt. Im Critical Massifesto wird sie als Gegenbewegung zum schleichenden Verlust menschlicher Nähe beschrieben: Gemeinschaften und lokale Kulturen gerieten durch den globalisierten Waren- und Dienstleistungsmarkt zunehmend unter Druck.
In einer Gesellschaft, in der Begegnungen oft nur flüchtig sind, will die Critical Mass Gegenwind schaffen. Die Lösung: Das Zweirad. Statt mit der isolierenden Blechbüchse – das Auto – ein quadratisch passendes Feld zu suchen, soll das Fahrrad wieder mehr spontane Begegnungen ermöglichen. Man kann kurz anhalten und ins Gespräch kommen.Laut dem Manifest entfremden der globalisierte Markt und die Zerrüttung traditioneller Gemeinschaften die Menschen zunehmend voneinander; dem könne durch die langsame, geduldige Entstehung neuer Gemeinschaften begegnet werden.
Der Bewegung ist bewusst, dass ein vollständiger Verzicht auf das Auto für viele Menschen im Alltag kaum realistisch ist. Sie sieht den Veloverkehr als Alternative, die den Autoverkehr teilweise ersetzen und dadurch sowohl soziale Begegnungen als auch ökologische Ziele fördern könnte.
Anfangs fiel es mir nicht leicht, das Critical Massifesto einzuordnen – ich hatte erwartet, dass es primär um den ökologischen Fussabdruck geht. Dass der Fokus stattdessen auf zwischenmenschlichen Beziehungen liegt, war für mich ein unerwarteter, aber spannender Perspektivwechsel.
Kritik – So steige ich nicht mit drauf
Wie bereits erwähnt, hatte ich ein anderes Bild von der Critical Mass. Ich ging davon aus, dass es dabei in erster Linie um Klimaschutz und nachhaltige Mobilität geht. Dass der soziale Austausch der Fokus der ganzen Sache ist, und dabei so untergehen kann, halte ich persönlich für eher unvorteilhaft. Ich habe in meinem Umfeld nachgefragt, was andere unter der Critical Mass verstehen, und keine Antwort entsprach dem eigentlichen Critical Massifesto.
Andererseits kann es auch sein, dass jede dieser Städte ihre angepasste Version der Critical Mass durchsetzt. Jedoch finde ich einfach, dass die grundlegenden Werte klarer transportiert werden müssten.
Auch den Punkt, dass die Aktion als «spontanes, grosses Verkehrsaufkommen von Velos» und nicht als Demonstration vernommen werden soll, verstehe ich nicht ganz. «Immer am letzten Freitag im Monat. Freitag, 26. Juni 2026. 18h45, Bürkliplatz. Fahrt auf der rechten Seite der Limmat (Kreise 6,7,8,10,11 & 12)». Das Einzige, was noch fehlt, ist ein Online-Anmeldeformular. Was soll darunter als «spontan» verstanden werden?
Kommen wir zum nächsten Traktandum. Die armen Autofahrenden. Ja, ich empfinde das Argument «einmal im Monat können auch die Autofahrenden einstecken» als valide, jedoch kann man doch lieb genug sein und das Ganze besser ankündigen, wenn nicht besser plakatieren. Glücklicherweise war ich noch nie davon betroffen, aber ich kann mir gut vorstellen, wie störend es sein kann, in der Stadt ohne Auswegmöglichkeiten festzustecken. Wir sind alle Individuen und teilen nicht die gleichen Interessen, und das ist auch okay so!
Tu der Umwelt was Gutes, tu es für dich
So, jetzt auch mal wieder was Nettes von meiner Seite ;) Ich selbst habe bereits eine Critical Mass in Zürich besucht und empfand die Erfahrung als sehr positiv. Auch wenn ich das eigentliche Ziel – mehr Begegnungen zwischen Menschen – vorher nicht kannte, konnte ich das Gruppenfeeling sehr gut herausspüren. Es ist eine Aktivität, bei der du erstens deinem Körper durch Sport guttust und gleichzeitig dich auch sozial vernetzen kannst. Der Zweiradsport tut aber auch nicht nur dir gut, sondern ist eine super Verkehrsalternative für die Umwelt.
Meiner Meinung nach sollte das auch mehr im Alltag umgesetzt werden anstatt nur einmal im Monat. Das Velofahren ist eine spassige Art, um von Punkt A nach Punkt B zu gelangen. Ich glaube, mit all den modernen Reisemitteln heute geht die simpelste Erfindung verloren: Das Velo. Vor zwei Jahren kam mir erst in den Sinn, mir wieder ein Fahrrad anzuschaffen. Das Problem? So ein Ding ist nicht mal so günstig. Ich muss aber zugeben: Ich habe mich auch nicht intensiv auf die Suche gemacht. Ich denke, Second Hand findet man sicher etwas in jeder Preisklasse. Und ganz nebenbei freut sich auch das Portemonnaie – und oft auch die Umwelt.
E-Bike
Velofahren im Alltag zu integrieren ist eine gute Sache. Doch gerade bei steilen Anstiegen, sommerlicher Hitze oder längeren Arbeitswegen kann ein E-Bike eine sinnvolle Alternative sein. Vor allem dann, wenn man nicht komplett verschwitzt am Ziel ankommen möchte. Klar, nicht gleich nachhaltig wie das normale Fahrrad oder der öffentliche Verkehr, aber immer noch besser als das Auto, besser für die Beine als im öffentlichen Verkehr und besser für den sozialen Austausch, der ja schliesslich im Zentrum der Critical Mass steht.
Schlusswort
Die Critical Mass ist mehr als eine Aktion für nachhaltige Mobilität. Es ist ein Konzept, mit dem man unsere Beziehungen untereinander stärken kann und dem alltäglichen «spätkapitalistischen Leben» entfliehen kann. Mit solch einer Aktion hilfst du nicht nur deiner Gesundheit, sondern auch der unserer geliebten Erde. Und wer an der Fahrt teilnehmen will, aber sich keinesfalls auf dem klassischen Velo sieht, kann ja auf die E-Bike-Alternative umsteigen ;)
Quelle Titelbild: Unsplash | Markus Spiske
Lernender Mediamatiker
Schon früh zeigte sich meine Leidenschaft für kreative Ausdrucksformen. Ob auf der Theaterbühne, beim Tanzen oder als Wasserratte – Bewegung und Ausdruck geben mir Energie und Freiheit. Design und Fashion sind für mich mehr als Ästhetik: Ich liebe es, mit Formen, Farben und Stilen zu spielen und Inspiration im Alltag zu finden. Begleitet werde ich dabei ständig von Musik, in der ich mich gerne verliere und die meine Kreativität antreibt.
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