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Monopoly – das Kapitalistenspiel mit kapitalismuskritischem Ursprung

08.01.2026

Das Ziel von Monopoly ist es, sich ein Grundstücksimperium aufzubauen und alle anderen Mitspieler in den Bankrott zu treiben – das Kapitalismus-Spiel schlechthin. Die Erfinderin hatte jedoch eine ganz andere Absicht: Sie wollte mit dem Spiel sozialkritisch auf die Probleme aufmerksam machen, die aus der ungleichen Verteilung von Reichtum und Macht resultieren.

Googelt man nach Monopoly, stösst man schnell auf einen Wikipedia-Eintrag, der das Spiel folgendermassen definiert: «Monopoly ist ein US-amerikanisches Brettspiel. Ziel des Spiels ist es, ein Grundstücksimperium aufzubauen und alle anderen Mitspieler in die Insolvenz zu treiben. Dazu erwirbt man möglichst viele Besitzrechte, um von den Mitspielern Mieten zu erhalten, wenn diese durch Würfeln auf gewissen Feldern landen.» Die Spielregeln sind also klar und simpel: Treibst du die anderen in den finanziellen Ruin, gewinnst du. Doch eigentlich wollte Elizabeth «Lizzie» Magie Phillips, die Erfinderin des Vorgängers «The Landlord’s Game» (englisch für «Das Spiel der Grundbesitzer»), etwas ganz anderes bewirken. Denn während sich die Leute immer noch darüber streiten, welches nun die korrekte Aussprache ist (Mónopoly oder Monópoly?), stellte sie sich eine ganz andere Frage: «Wie vermittle ich die Gefahren des monopolistischen Landbesitzes spielerisch der breiten Masse?»

Wie kam es also dazu, dass aus dieser aufklärenden und kapitalismuskritischen Idee ein Spiel entstand, bei dem Kinder ihre Eltern oder Freunde ihre Freundinnen eifrig in die Insolvenz stürzen wollen, und dafür auch noch gefeiert werden?

Lehrspiel mit pädagogischer Absicht

Elizabeth Magies Intention war pädagogischer Natur. Sie wollte die Schattenseiten des Kapitalismus beleuchten und aufzeigen, welche gravierenden negativen Auswirkungen das Akkumulieren von Immobilien auf die übrige Bevölkerung hat. Mary Pilon, die Magies Biografie schrieb, erklärte, dass es das Ziel der Spielerfinderin war, «das Übel der Geldvermehrung auf Kosten anderer zu zeigen.» Und das ist genau der Kern des Spiels; der Reichste gewinnt, die anderen sind bankrott und verlieren – das deutet bereits an, dass das System nicht fair ist. Allerdings wird diese Dynamik im Spiel nicht offensichtlich reflektiert, sondern als implizite Zielsetzung verstanden. Der Sieg steht im Vordergrund, nicht die zugrundeliegende gesellschaftskritische Aussage. Nach einer Partie hinterfragt wohl kaum jemand, was diese Mechanik über wirtschaftliche Machtverhältnisse aussagt, sondern freut sich schlicht über den eigenen Erfolg.

Gerade darin zeigt sich, wie weit sich das heutige Monopoly von der ursprünglichen Idee seiner Erfinderin entfernt hat, und dementsprechend die kritische Reflektion einer schweigenden Akzeptanz und Befürwortung des status quo weicht.  Was als kritische Auseinandersetzung mit Landbesitz und sozialer Ungleichheit gedacht war, ist zu einem unterhaltsamen Wettstreit geworden, bei dem die politische Botschaft meist in den Hintergrund tritt – ohne dass dies den Spielenden bewusst sein muss oder ihnen vorgeworfen werden kann.  

Eine Frau, die ihrer Zeit voraus war

«The Landlord's Game» war nicht die erste Erfindung Magies. Bereits im Alter von 26 Jahren meldete sie ein selbst entwickeltes System zum Patent an, das das Einführen von Papier in Schreibmaschinen erleichterte. Auch durch eine bewusst provokante Zeitungsannonce, in der sie sich als „junge amerikanische Sklavin” satirisch dem Meistbietenden zum Verkauf anbot, erlangte sie Bekanntheit. Sie kritisierte die gesellschaftlichen Zwänge und die frauenverachtende Vorstellung, nach der die Ehe für Frauen als nahezu einzige soziale und wirtschaftliche Absicherung galt.

Als Grenzgängerin zwischen Kunst, Politik und Gesellschaft war Elizabeth Magie nicht nur Stenografin, Theaterschauspielerin und Autorin, sondern auch Feministin und Verfechterin des Georgismus. Diese wirtschaftliche Philosophie geht davon aus, dass privates Eigentum durch eigene Arbeit entsteht, während natürliche Ressourcen – vor allem Land und Boden – allen Menschen gemeinschaftlich zustehen. Anhänger des Georgismus befürworten es, dass Landbesitzer eine Abgabe an die Gesellschaft, in Form einer Steuer, zahlen sollen. Benannt ist die Theorie nach dem Ökonomen Henry George, der Landeigentum und Monopole für die Armut in den Städten verantwortlich machte. Der Kapitalismus sei zwar gut, um Reichtum zu erzeugen, scheitere jedoch daran, ihn zu verteilen. Georgist:innen wie Elizabeth Magie bemühten sich darum, Georges Ideen zu verbreiten. 

 

Zwei Spielanleitungen, zwei Weltanschauungen

Bei «The Landlord's Game» gab es ursprünglich zwei Spielanleitungen: Bei der einen wurden alle Mitspieler:innen belohnt, wenn einer Geld eingenommen hatte – aufgrund der Einheitssteuer (Single-Tax) – um somit in einem sozialen Gleichgewicht zu leben. Bei der zweiten Spielanleitung war es das Ziel, alle anderen in den Ruin zu treiben, in dem man sich ein Monopol schafft. Letztere Variante, die dazu diente, die Gier zu demonstrieren, setzte sich durch. Die andere, die das Ziel hatte, ein gerechteres System zu vermitteln, geriet bald in Vergessenheit. Vermutlich, weil die soziale Variante schlicht weniger Spass machte, als die monopolistische, obwohl der Erfinderin vorschwebte, das Verständnis für soziale Gerechtigkeit  zu fördern und die Leute dazu bewegen, so zu handeln, dass das Gemeinwohl im Mittelpunkt steht.

Von der politischen Botschaft zum Verkaufsschlager

Der Heizungsvertreter Charles Darrow, der während der Grossen Depression anfangs der 1930er Jahre arbeitslos wurde, entdeckte das Spiel und zeigte Interesse daran. Er machte es bekannt, nachdem er es leicht veränderte und anschliessend patentieren liess. Später verkaufte er die Rechte an die Parker Brothers. Lange wurde Darrow als der Erfinder des Spiels vermarktet, das schnell ein grosser Erfolg wurde und bis heute Milliarden einbringt. Erst später gelang die Wahrheit über die Herkunft des Spiels ans Licht: Ein Rechtsstreit im Jahr 1976 brachte ans Licht, dass Magie die tatsächliche Schöpferin des Spiels war. Magie soll für ihre Erfindung lediglich etwa 500 Dollar erhalten haben – damals zwar ein nicht unerheblicher Betrag (heute ca. 11.000 Dollar), im Vergleich zu Darrows Gewinn und den Einnahmen des Spiels jedoch ein mikroskopischer Betrag.

Kritik und weltweite Verbreitung

Monopoly wurde oft Gegenstand von Kritik, eben genau, weil es kapitalistische Mechanismen und Monopolbildung nicht nur darstellt, sondern spielerisch belohnt. In kommunistisch regierten Staaten wie der DDR oder der Sowjetunion war das Brettspiel verboten. Nach Nordkorea und Kuba soll es bis heute keinen Vertrieb geben. Gleichzeitig erfreut sich Monopoly seit über neun Jahrzehnten an enormer Beliebtheit in vielen Ländern. Das Spiel gibt es in 47 verschiedenen Sprachen und 114 Ländern zu kaufen. Über 250 Millionen Stück sollen bisher verkauft worden sein. Ein Erfolg, der zeigt, wie stark das Spiel kulturell verankert ist.

Monopoly wird zudem häufig als Familienspiel oder Kinderspiel wahrgenommen, um spielerisch den Umgang mit Geld, Besitz oder Regeln zu erlernen. Diese Perspektive ist jedoch nicht unumstritten. Natascha Helbling, Doktorandin am Lehrstuhl Entwicklungspsychologie im Bereich Säuglings- und Kindesalter der Universität Zürich, gefällt der Brettspielklassiker nicht. Spielen sei wichtig für die Entwicklung von Kindern, Monopoly sei jedoch «zu monoton», wie sie dem Beobachter mitteilt. Sie bevorzuge kooperative Spiele, «da man dort an einem Strang zieht und zusammen verliert oder gewinnt», schreibt der Beobachter weiter.

Ein Spiel, das die Erfinderin nicht gewinnen konnte

Elizabeth Magie wollte mit ihrem Spiel zeigen, dass zu viel Land und Geld in den Händen Einzelner zwangsläufig zu Armut und sozialer Ungerechtigkeit führt. Monopoly sollte ein Warnsignal sein – ein spielerischer Beweis dafür, dass ungezügelter Kapitalismus Gesellschaften aus dem Gleichgewicht bringt. Ironischerweise wurde genau dieses Warnsignal zum Symbol dessen, was es kritisieren wollte. Monopoly lehrt heute weniger über soziale Verantwortung als über Konkurrenz, Verdrängung und Gewinnmaximierung. Die ursprüngliche Botschaft ist nicht verschwunden, aber sie ist überlagert von Spielspass und Siegeslust.

In gewisser Weise verlor Elizabeth Magie somit doppelt: finanziell, da sie vom wirtschaftlichen Erfolg des Spiels kaum profitierte, und ideologisch, weil die kritische Idee hinter The Landlord’s Game im heutigen Monopoly kaum spürbar ist. Gerade vor dem Hintergrund ihres Wunsches nach mehr sozialer Gerechtigkeit wirkt die Entwicklung des Spiels rückblickend paradox. 

 

Quelle Titelbild: Joshua Hoehne | Unsplash

Marius Bachmann

Marketing Manager Editorial Content

Mein erstes Wort war "Ball" – und auch heute noch dreht sich in meinem Leben fast alles um Fussball. Wenn ich nicht gerade selbst auf dem Rasen stehe, schreibe ich hier über die neuesten Entwicklungen im Schweizer und internationalen Fussball und teile meine Gedanken rund um die Brack Super League. Doch meine Leidenschaft für das Schreiben geht darüber hinaus. Ob Sport, Gesellschaft oder Kultur – ich schreibe, weil Sprache für mich mehr ist als Mittel zum Zweck: Sie ist Werkzeug, Spielplatz und Zuhause zugleich.

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