
Warum Fluchen verdammt guttut
Fluchen ist ein Zeichen schlechter Manieren? Weit gefehlt! Manchmal reicht ein einziges deftiges Wort, um Schmerzen zu lindern, Wut zu zähmen oder eine ganze Gruppe zum Lachen zu bringen. Höchste Zeit also, dem gepflegten Kraftausdruck seine wohlverdiente Ehre zu erweisen.
Achtung: Dieser Beitrag enthält derbe Ausdrücke. Schliesslich kann man kein Feuerwerk zünden, ohne dass es ordentlich knallt 😉
Du stösst dir den Ellenbogen an der Tischkante, schüttest deinen Kaffee über die Tastatur oder siehst deinen Zug im allerletzten Moment davonfahren – und schon entfährt dir ein «Gopfertammi» (oder vielleicht auch ein etwas saftigeres Wort). In ärgerlichen Situationen hilft nichts besser als ein ehrliches, aus tiefstem Herzen hervorgestossenes Schimpfwort. Fluchen ist ein Ventil, um Wut, Ärger oder Schmerz Luft zu machen. Damit ein Fluchwort wirkt, muss es auf irgendeine Weise schockieren – je heftiger die Emotion, desto stärker kratzt es an der Grenze des guten Geschmacks. Was zum Fluchwort wird, hängt dabei stark vom kulturellen Kontext ab.
Die Kunst des Fluchens
Kraftausdrücke haben ihren Ursprung meist in Tabuthemen. Spannend dabei: Während wir im deutschsprachigen Raum gerne fäkal fluchen, geht's in anderen Sprachen oft um Sexualität oder Religion – wobei sich auch bei uns eine Tendenz hin zu sexualisierten Schmähwörtern wie «Fuck» oder «Figg dich» abzeichnet. Ob diese schon bald unser universelles «Scheisse» ablösen? Schwer vorstellbar, denn «Scheisse» ist ein wahres Multitalent: Es funktioniert solo («Scheisse!»), als Adjektiv («scheisslangweilig»), als Verb («scheiss drauf») und sogar als Nomen («Scheisswetter»).
Aber genug geflucht fürs Erste. Schliesslich wollen wir ja herausfinden, warum uns fluchen guttut.
Warum wir fluchen
Viele Autofahrer:innen kennen das befreiende Gefühl, wenn in einer stressigen Verkehrssituation eine ganze Tirade an Kraftausdrücken aus einem herausplatzt. Fluchwörter haben Power: Sie lassen uns Emotionen ausleben und helfen, sie besser zu verarbeiten. Gleichzeitig signalisieren sie nach aussen klar und unmissverständlich, wie wir gerade drauf sind.
Fakt ist: «Scheisse» trifft uns emotional ganz anders als «Haus». Das liegt vermutlich daran, dass Fluchwörter im Hirn anders verarbeitet werden. Darauf deutet auch die Tatsache hin, dass Menschen, die nach einer Hirnverletzung kaum mehr sprechen können, die Fähigkeit zu fluchen oft nicht verlieren.
Kein Wunder, dass auch die Wissenschaft diesem Alltagsphänomen auf den Grund geht – und dabei bestätigt: Fluchen tut tatsächlich gut.
Schmerz lass nach
Hast du dir schon einmal den kleinen Zeh so richtig böse gestossen und daraufhin einen Wortschatz ausgepackt, den wir hier besser nicht wörtlich wiedergeben? Dann hast du ganz intuitiv gemacht, was auch Studien zeigen: Fluchen kann Schmerzen lindern.
In verschiedenen Experimenten mussten Teilnehmende ihre Hand möglichst lange in eiskaltes Wasser halten. Diejenigen, die dabei herzhaft fluchen durften, hielten signifikant länger durch als jene, die nur neutrale Ausdrücke benutzten. Ein kleiner Haken gibt es allerdings: Wer im Alltag viel flucht, bei dem ist der Effekt kleiner. Heb dir deine Schimpftirade also besser für die Momente auf, in denen du sie wirklich brauchst.
Fluchen fürs Herz
Seelischen Schmerz verarbeiten wir im Hirn ganz ähnlich wie einen verstauchten Zehen. Entsprechend kann Fluchen nicht nur bei körperlichen Beschwerden helfen, sondern auch wenn uns jemand emotional verletzt.
In einer Untersuchung schrieben Personen über eine Situation, in der sie sich ausgeschlossen fühlten. Wer danach zwei Minuten ein Fluchwort wiederholte, fühlte sich deutlich besser als jene, die dies nicht taten. Eine andere Studie zeigte: Auch bei nervigen Verkehrssituationen kann Fluchen Wunder wirken. Es bremst die Wut und hilft, schneller wieder runterzukommen.
Kraftausdruck im wahrsten Sinne
Fluchen macht nicht nur den Kopf frei, es kann dich sogar stärker machen. Eine Reihe von Experimenten ergab, dass wiederholtes Fluchen die körperliche Leistung steigert: Teilnehmende drückten kräftiger zu, stemmten mehr Gewicht und traten auf dem Fahrrad stärker in die Pedale, wenn sie dabei fluchten.
Wenn du dich also das nächste Mal mit letzter Kraft den Berg hoch strampelst, gönn dir ruhig ein paar deftige Worte. Vielleicht hilft's.
Schimpfen verbindet
Fluchen wird zwar oft mit Ärger und Frust verbunden, aber im Alltag können Kraftausdrücke auch Freude, Begeisterung oder Anerkennung transportieren. Studien zeigen, dass Fluchen eine wichtige soziale Funktion hat. Es kann das Gefühl von Zusammengehörigkeit stärken – ob in einer Arbeitsgruppe, einem Sportteam oder im Freundeskreis.
Der Effekt entsteht, weil Fluchen in vielen beruflichen und sozialen Situationen verpönt ist. Wer in einer solchen Runde trotzdem flucht, wirkt ungefiltert, authentisch und oft sogar ehrlicher. In der richtigen Dosis kann das Nähe und Vertrauen schaffen – vorausgesetzt der Kontext stimmt. «Kenn dein Publikum» ist hier die goldene Regel.
Auch verbreitet unter Freund:innen oder Geschwistern: liebevolle Beleidigungen. In diesem Rahmen sind ein lachend ausgesprochenes «Arschloch», «Tubel» oder «Lauch» nicht böse gemeint – im Gegenteil. Für manche ist es sogar eine sichere Art, Zuneigung auszudrücken, besonders wenn sie sich mit grossen Gefühlsbekundungen schwertun.
Fazit
Ein gut platziertes Fluchwort macht so manche Situation erträglicher. Es tröstet, wenn der Kaffee über die Hose läuft. Es motiviert, wenn der Hügel vor dir endlos erscheint. Und es verbindet, wenn dich dein Bruder liebevoll als «huere Holzchopf» bezeichnet.
Also keine falsche Scheu: Sollte dich das Leben mal wieder in den kleinen Zeh treten, dann hau raus, was raus muss.
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Quelle Titelbild: Unsplash | Etienne Girardet
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Ich liebe es, in andere Welten einzutauchen, sei es durch spannende Geschichten, mit Reisen in ferne Länder und Kulturen oder in meinem eigenen kleinen Garten – ich bin immer auf Entdeckungsreise. Und wenn es Zeit wird, die Seele baumeln zu lassen, findet ihr mich auf der Yogamatte oder mit einem guten Buch in der Hand.
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