
Als der Internet-Knopf noch finanziell gefährlich war
«Junge Frau, könnten Sie eine SMS für mich schreiben?» Ich drehte mich vom Zugfenster zu der älteren Dame neben mir. «Natürlich», antwortete ich zuversichtlich. Doch was sie mir hinhielt, war kein Smartphone, sondern ein klassisches Nokia-Tastenhandy. Ich lächelte – und hoffte zum ersten Mal seit über 15 Jahren, die Nachricht würde nicht allzu viele «S» enthalten.
Kollektive Handy-Traumata der 2000er
«Früher war alles besser», heisst es oft. Ich gebe zu, die alten Tastenhandys hatten ihren ganz eigenen Charme. Sie waren handlich, minimalistisch und geradezu unzerstörbar. Nichtsdestotrotz schlichen sich kleine Momente der grossen Verzweiflung ein; Augenblicke, in denen wir kurz davor waren, ihre Unzerstörbarkeit empirisch zu widerlegen. Heute weckt der Gedanke an sie pure Nostalgie. Oder auch nicht.
Die folgende Leidensliste präsentiert diese Unannehmlichkeiten mit einer Prise Humor.
Infrarot: Ein Lied, zehn Minuten und ein Stossgebet
Teilen ist heute keine grosse Hexerei – sei es Bild, Video oder Audiodatei. Aber früher, ja, früher war da mathematische, millimetergenaue Kongruenz gefragt. Natel auf Natel, wie bei einer Sonnenfinsternis, möglichst deckend, möglichst genau, möglichst stabil. Das war chirurgische Präzision. Wenn du dachtest, Bluetooth war mal nervenaufreibend, dann kanntest du Infrarot nicht. Die Übertragung einer Audiodatei konnte über zehn Minuten (länger als das Lied selbst!) und drei gerissene Geduldsfäden dauern, denn: «Übertragung abgebrochen.»
Das Internet – betreten auf eigene Rechnung (und Tränen)
Du glaubst, Kaffee macht dich wach? Dann solltest du ins Jahr 2006 zurückreisen und (wieder mal?) versehentlich das WAP auf deinem Handy öffnen. Es gab keinen besseren Wachmacher als die Vorstellung, dass sich das Taschengeld binnen Sekunden in Luft auflöst. Nur einmal falsch drücken und dein Puls schiesst auf 180 bpm. Dann bleibt dir nur noch hilflos mitanzusehen, wie deine Seele deinen Kör… ich meine natürlich; deine Münzen dein Portemonnaie verlassen. Für manche ist das heute noch der Albtraum, der sie um drei Uhr morgens aus dem Schlaf reisst.
Das «S» als der natürliche Feind des Daumens
Laut dem Duden ist der Buchstabe «S» der fünfthäufigste Buchstabe in deutschen Wörtern – und nie wurde einem das so schmerzlich bewusst wie beim Schreiben einer SMS. Wenn du mal ein Tastenhandy benutzt hast, erinnerst du dich bestimmt noch daran, dass das «S» auf der Sieben sass. Und zwar an vierter Stelle. Einmal drücken für das «P», dann noch einmal für das «Q» (das in der deutschen Sprache übrigens der am seltensten vorkommende Buchstabe ist, aber, nun, Alphabet und so), dann nochmal für das «R», und ein viertes und letztes Mal für das heissersehnte «S», das allein schon in dem Wort «heissersehnt» dreimal vorkommt.
Das «S» war ein «S»-enzielles Trauma. Zumindest, bis diese Dinger hier Fuss fassten:
SMS-Zeichenbegrenzung: Als man noch mit Buchstaben sparte
Hach ja, die Zeiten ohne WhatsApp und Social Media. Für manche utopisch, für andere dystopisch. Fakt ist aber, dass es kaum Alternativen zu SMS gab – und Fakt ist auch, dass jede einzelne SMS kostete. Wenn die Nachricht die Zeichenbegrenzung überschritt, teilte sie sich wie eine Bazille in zwei. Dann hiess es kürzen: Aus «Hab dich lieb» wurde «hdl», aus «sch» wurde «sh», aus «ss» wurde «s», und aus «ie» notfalls «i». Rechtschreibung und der damit verbundene Stolz waren ein Tribut für die Zeichenbegrenzung, und Abkürzungen eine Notwendigkeit.
«Speicher voll» wegen ganzen … 15 SMS
Es war nicht so, als hättest du sechstausend Bilder, dreihundert Audiodateien und zweihundertfünfzig Videos gespeichert – und trotzdem war dein Natel am Limit. Es hatte die Nase voll, buchstäblich, also verdonnerte es dich zum Aufräumen. Und so gingst du von einer deiner inhaltsreichen, platzfressenden und durch und durch geistreichen SMS zur nächsten; darunter «ok», «warte am Bahnhof», «wo bist du???» und natürlich ein zuvor verschollenes «test» von vor über fünfzehn Wochen. Der Speicherplatz musste freigeschippt werden wie die Einfahrt im Winter, und trotzdem schien er sich immer weiter zuzuschnüren.
MMS – die Abkürzung in den finanziellen Ruin (oder so)
Du wusstest nie, wie teuer sie genau waren, aber du spürtest: sie waren teuer. Teurer, als dein Taschengeld es dir erlaubte. Also hattest du sie gemieden. In deinem Umfeld war das schon immer ein ungeschriebenes Gesetz gewesen – doch vielleicht hattest du dich einmal dazu verführen lassen. Eine niedliche Katze. Ein Sonnenuntergang. Ein Welpe. 160 px. Wagemutig hattest du die MMS versandt. Und sie lud. Und lud. Und lud. Ob sie wohl jemals angekommen ist?
Du dachtest, du kannst Snake gewinnen? Pah!
Hattest du bei Snake schon mal gewonnen? Wenn nicht, dann lag das vielleicht nicht an dir, sondern an der Snake-Version. Manche hatten weder Level noch ein Ende. Irgendwann würde die Schlange das gesamte Bild ausfüllen, ohne dass neues Futter in Sicht käme. Genau das ist dem folgenden Reddit-User passiert – und manche munkeln, er spiele noch bis heute.
«Ich leih dir mein Ladegerät» – na ja, der Gedanke zählt
Heute ist ein Ladegerät ein Ladegerät. USB-C rein, Strom rein, Friede, Freude, Eierkuchen. Ein Hoch auf EU-Standards. Aber es gab Zeiten, in denen «Ich kann dir mein Ladegerät leihen» ungefähr so hilfreich war wie «Ich kann dir meine Schuhe leihen» – nett gemeint, würden sie doch bloss nicht in Grösse 34 kommen. Ob ein Ladegerät passte, hing vom Modell ab. Und von deinem Glück. «Nokia, richtig? Ich hab’ auch eins, aber ein neueres Modell. Passt bestimmt. Hoffentlich.»
Warum Tastenhandys trotzdem Charme haben
Du dachtest, das ist alles? Oh nein, es gibt noch so viel mehr: Hatte das Handy einen Defekt, hiess es Akku raus und Neustart – und der letzte Akkubalken war ein Orakel, bei dem man nie richtig einschätzen konnte, wie viel Zeit einem noch blieb. Doch trotz all dieser kleinen Dramen (und ein paar ausgewachsenen) haben Tastenhandys etwas, das uns bis heute weich werden lässt: Sie waren ehrlich. Kein Hintergrund-Update, kein Push-Stress, keine Hast. Wer das Internet betrat, tat es bewusst.
Gerade weil sie so wenig konnten, konnten sie etwas anderes umso besser: Uns kurz in Ruhe lassen. Und vielleicht ist genau das der Grund, weshalb es manche heute noch zu den Tastenhandys zieht.
Quelle Titelbild: Unsplash | Polina Kuzovkova
Marketing Manager Editorial Content
Wenn ich mal nicht gerade damit beschäftigt bin, meiner literarisch-kreativen Ader freien Lauf zu lassen, stecke ich höchstwahrscheinlich in einem Netflix-Marathon fest («Nur noch eine Folge!»), unterhalte ich mich angeregt über die verschiedensten Themen, lese ein gutes Buch oder fordere mich selbst mit einem neuen Hobby heraus. Meine Wissbegierde kennt keine Grenzen, und hier habe ich die Möglichkeit, sie auszuleben und mit anderen zu teilen.
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