
GPT-5 und die verlorene Freundlichkeit
Die neue Version von ChatGPT ist da und soll schlauer, sicherer und weniger unterwürfig sein. Doch die grösste Diskussion dreht sich nicht um Technik, sondern darum, dass sich der Chatbot ohne Freundlichkeit plötzlich fremd anfühlt.
Was GPT-5 verspricht
GPT-5 wurde als grosser Sprung nach vorn beworben. Laut Sam Altman, CEO von OpenAI, fühlt es sich mit dem neuen Modell zum ersten Mal so an, als hätte man eine Fachperson mit Doktortitel vor sich. Das neue Modell soll bessere Texte schreiben, sauberere Codes programmieren, weniger Unsinn halluzinieren und komplexe Anweisungen zuverlässiger ausführen. Ausserdem soll es sicherer sein – und weniger unterwürfig. Letzteres war beim Vorgängermodell ein echtes Problem. Denn es führte dazu, dass ChatGPT seinen Nutzer:innen so sehr gefallen wollte, dass es teilweise Informationen lieferte, die schlicht falsch oder sogar gefährlich waren.
Die wichtigste technische Neuerung hinter GPT-5 scheint die Einführung eines «Routers» zu sein. Dieser entscheidet, ob eine Anfrage mit einem Reasoning- oder einem Nicht-Reasoning-Modell beantwortet wird. Sprich: GPT-5 schätzt ab, wie komplex eine Frage ist und wie viel Rechenpower die Antwort braucht.
Kritische Stimmen meinen allerdings, dass der Router vor allem die Kosten von OpenAI schont, weil die meisten Anfragen standardmässig auf einfachere und kostengünstigere Modelle zurückgreifen würden. Praktisch für OpenAI, aber weniger praktisch für User:innen, die sich in vielen Fällen detailliertere Antworten von einem so fortgeschrittenen System erhoffen.
Die grössten Wellen schlug aber die neue «Persönlichkeit» von ChatGPT.
Der schmale Grat zwischen Freundlichkeit und Schleimerei
Die alte Version von ChatGPT hatte ein grosses Problem: sie war übermässig schmeichelhaft. Praktische jede Idee wurde gefeiert, als hätte man gerade das Rad neu erfunden. Jede Anfrage klang plötzlich nach einem revolutionären Geniestreich. Das Problem dabei: Weil das Modell oft auch dann «ja» sagte, wenn es nicht nötig war, präsentierte es teilweise Fehlinformationen. Und das konnte schnell gefährlich werden – zum Beispiel, wenn ChatGPT falsche medizinische Ratschläge gab.
Verständlich also, dass OpenAI gegensteuern wollte. Doch mit dem riesigen Backlash hat das Unternehmen wohl nicht gerechnet. Die neue, sehr nüchterne Art von GPT-5 kommt nicht bei allen gut an. Aus dem überfreundlichen Plauderbot wurde ein distanzierter, beinahe formeller Assistent. Vielen Nutzer:innen fehlt plötzlich der Charme und die Freundlichkeit. Manche bezeichnen GPT-5 gar als langweilig und leblos. Ein:e Reddit-User:in fasste es besonders dramatisch zusammen: «Bring back 4o, GPT-5 is wearing the skin of my dead friend» (Bring 4o zurück, GPT-5 trägt die Haut meines toten Freundes).
Diese Reaktionen zeigen, wie emotional verbunden sich viele Menschen mittlerweile mit KI-Tools fühlen. Für sie ist ein Chatbot nicht nur ein digitales Werkzeug, sondern auch Gesprächspartner, Kreativkollege und vertrauenswürdiger Helfer. Und genau dies ging mit GPT-5 für viele Nutzer:innen von einem Tag auf den anderen verloren.
Die Tendenz, Dinge zu vermenschlichen
Wir verhätscheln unsere Zimmerpflanzen, geben dem Staubsaugerroboter einen Namen oder reden dem streikenden Drucker gut zu – wir Menschen neigen dazu, Dingen einen menschlichen Charakter zuzuschreiben. Kein Wunder also, dass wir bei KI-Systemen dem selben Reflex verfallen: wir führen ausführliche Gespräche und hängen «Bitte» und «Danke» an jede Anfrage – was OpenAI angeblich sogar Millionen an Zusatzkosten beschert.
Das Problem an dieser Vermenschlichung: Wir entwickeln ein Vertrauensverhältnis, obwohl es in diesem Falle nicht angebracht ist. Denn ein Chatbot denkt nicht, er simuliert nur überzeugend. Seine Antworten sind statistisch nageliegend, aber nicht unbedingt wahr. Ein Bewusstsein für richtig oder falsch fehlt der KI. Deshalb kann ChatGPT auch mit absoluter Überzeugung komplett falsche Antworten liefern.
Wir stehen also zwischen Skepsis und Faszination und lassen die KI doch erstaunlich nah an uns heran. Vielleicht, weil Freundlichkeit zu unseren Grundwerten gehört. Wir legen nicht nur Wert darauf, was gesagt wird, sondern auch, wie etwas gesagt wird. In der Art, wie wir mit KI umgehen, spiegeln sich unsere Werte wider. Einfach gesagt: Wie wir auf GPT-5 reagieren, sagt weniger über die Maschine, sondern viel mehr über uns selbst.
Zurück zu mehr Freundlichkeit
Auch OpenAI hat erkannt, wie wichtig Freundlichkeit für Nutzer:innen ist und wie sehr sich diese an die «Persönlichkeit» von ChatGPT gewöhnt haben. Nach dem Aufschrei ruderte das Unternehmen zurück: Erst kam Version 4o als Zusatzoption für zahlende Abonnent:innen wieder ins Angebot, nun soll auch GPT-5 ein Update erhalten, das es wärmer und freundlicher macht – ohne aber unterwürfig zu sein. Ob dieser Balanceakt gelingt, wird sich zeigen.
Quelle Titelbild: Unsplash | Emiliano Vittoriosi
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