
Familie und Beruf vereinen – wo drückt der Schuh?
Trotz vieler positiver Entwicklungen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind es nach wie vor mehrheitlich die Frauen, die im Job zurückstecken, wenn Kinder da sind. Warum ist das so? Und wie kann bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie mehr Gleichberechtigung entstehen? Competec (die Mutterfirma von BRACK.CH) zeigt, dass zumindest von Arbeitgeberseite in diesem Bereich vieles möglich ist.
78 Prozent. Das ist der Anteil der Mütter zwischen 25 und 54 Jahren in der Schweiz, die Teilzeit arbeiten. Bei den Männern sind es gerade einmal 12 Prozent (Zahlen: Bundesamt für Statistik BFS). Dabei zeigt dieselbe Erhebung des BFS, dass beide Elternteile merklich zufriedener sind, wenn Hausarbeit und Kinderbetreuung geteilt werden:
Personen, die sehr zufrieden sind mit der Aufteilung der Hausarbeit und der Kinderbetreuung, abhängig davon, wer sich hauptsächlich darum kümmert:
Lesebeispiel: Bei den Frauen sind lediglich knapp 40% «sehr zufrieden» mit der Arbeitsteilung, wenn sie einen Grossteil der Hausarbeit erledigen. Wird die Hausarbeit hingegen geteilt, geben rund drei Viertel der Frauen und Männer an, sehr zufrieden zu sein. Bei der Kinderbetreuung ist der Unterschied weniger ausgeprägt, aber dennoch nicht zu vernachlässigen.
Dies sind die aktuell verfügbaren Zahlen, die noch von 2018 und 2019 stammen und damit die Coronazeit nicht beinhalten. Seit der Pandemie gehört für viele Arbeitnehmende das Home-Office zum Alltag. Man könnte denken, dass mehr Präsenz zuhause und der Zeitgewinn durch den Wegfall des Pendelns die Arbeitsteilung einfacher machen würden.
Doch das Gegenteil scheint der Fall, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen EKF zeigt: Mit den wiederholten Schliessungen von Schulen und Kitas waren es vermehrt die Frauen, die in die Bresche sprangen und ihr Arbeitspensum reduzierten, während die Männer grösstenteils wie gehabt weiterarbeiteten.
Wie gelingt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie?
Bei der Beantwortung dieser Frage stehen zwei Faktoren ganz weit im Vordergrund: Familienergänzende Kinderbetreuung und Teilzeitarbeit.
Laut dem BFS nehmen zwei Drittel der Familien mindestens eine Form von externer Kinderbetreuung in Anspruch, z.B. die Grosseltern, Nachbarn, Kitas oder Tagesschulen. Bei den kommerziellen Angeboten wie etwa Kitas ist die Verfügbarkeit vielerorts ein grosses Problem: Es gibt viel mehr Kinder als Kita-Plätze. Dabei sind die Preise für Kitas teilweise so hoch, dass sie fast ein komplettes Einkommen in Anspruch nehmen können, insbesondere wenn man mehrere Kinder hat. Im Durchschnitt müssen Doppelverdiener-Familien über 20% ihres Einkommens für die Kita aufwenden. Da kann es zumindest aus finanzieller Sicht sinnvoller sein, dass ein Elternteil die Kinderbetreuung komplett übernimmt und dafür auf die Kita verzichtet wird. Auch die Öffnungszeiten dieser Einrichtungen sind (aus verständlichen Gründen) meist nicht flexibel, sodass ein Elternteil die Arbeit (zu) früh unterbrechen muss, um die Kinder abzuholen.
Da ist es ein wahrer Segen, wenn die Grosseltern einspringen können, wie Sarah Barra berichtet. Die dreifache Mutter ist Unternehmensjuristin bei Competec – in einem 50%-Pensum. Dank diesem in ihrem Berufsfeld kaum gebotenen Pensum sowie der Unterstützung ihrer Eltern und Schwiegereltern kann sie bei der Arbeit sowie auch in der Familie alles geben. Die «Betreuungsmannschaft» holt den Nachwuchs am Morgen ab und bringt ihn am Abend wieder. «Meine Eltern haben keine Öffnungszeiten», sagt Sarah mit einem Zwinkern. So sei es auch kein Problem, wenn die Arbeit mal länger dauere als erwartet, oder wenn etwas anderes dazwischenkomme.
Sie schätzt diese Unterstützung sehr und stellt im selben Atemzug klar, dass längst nicht alle Eltern es so einfach hätten. Gerade auch bei den Möglichkeiten zur Teilzeitarbeit sieht sie noch Potenzial nach oben, insbesondere bei den Männern. Bei ihnen sei es gesellschaftlich noch viel weniger angesehen, als frischgebackener Elternteil das Arbeitspensum reduzieren zu wollen. Auch bei ihrem Mann sei ein Zurückstecken im Job aktuell nicht möglich. Allerdings könnten die Männer gegenüber ihren Arbeitgebern ruhig auch etwas fordernder sein, räumt Sarah ein.
Und damit hat sie recht, denn: Laut Gleichstellungsgesetz müssen Arbeitgeber, die Müttern anbieten, in Teilzeit zu arbeiten, auch Vätern dieselben Möglichkeiten bieten, ihr Pensum zu reduzieren. Trotzdem besteht das eingangs erwähnte, grosse Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern hinsichtlich der Teilzeitarbeit.
Voraussetzungen für Fairness bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann sieht unter anderem in folgenden Bereichen Handlungsbedarf, um eine grössere Fairness bei der Aufteilung der häuslichen Pflichten zu erreichen:
- Gleiche Löhne und Möglichkeiten zur Teilzeitarbeit
- Flexible Arbeitszeitmodelle
- Bessere Verfügbarkeit von Kinderkrippen und Tagesschulen
- Blockzeiten in den Schulen
- Anerkennung der Familienarbeit seitens der Sozialversicherungen
- Reform der Familienbesteuerung, u.a. weitere Abzugsmöglichkeiten für Familien
Wie ist die Situation bei Competec und wie werden Eltern unterstützt?
«Wir versuchen, Teilzeitarbeit grundsätzlich möglich zu machen, weil wir daran glauben, dass sie ein Schlüssel für geteilte Verantwortung ist und damit die Chancen von Frauen erhöht werden.», sagt Andri Rüesch, Leiter Human Resources bei Competec. Diese Aussage kann Sarah Barra bestätigen. Sie bezeichnet ihre 50%-Stelle als «Glücksfall» und schätzt auch die flexible Aufteilung ihrer Arbeitszeit, damit sie immer für ihre Kinder da sein kann, wenn sie sie besonders brauchen.
Sogar ihre geplante vorübergehende Senkung des Pensums auf 40% wurde akzeptiert. Dabei kann sie auf die Unterstützung ihres Vorgesetzten zählen, Competec-CEO Martin Lorenz. Auch er legt grossen Wert auf familienfreundliche Arbeitsplätze: «Er hat mir schon beim Vorstellungsgespräch versichert, dass Lösungen gefunden werden, wenn die Arbeitslast mein Pensum übersteigen sollte – bis hin zur Einstellung einer zusätzlichen Fachperson», sagt Sarah.
Dabei ist das keineswegs eine Sonderbehandlung für einige wenige Kolleg*innen: Rund ein Fünftel der Arbeitsplätze bei Competec sind Teilzeitstellen. Davon waren 2021 gut 64% von Frauen besetzt. Ein Jahr zuvor waren es noch 71%.
Doch es ist ein langer Weg: Gerade bei den kleinsten Pensen (50% und weniger) sind die Frauen mit 83% nach wie vor stark übervertreten. Die ungleiche Verteilung der Teilzeitarbeit und damit auch der Kinderbetreuung und Hausarbeit ist hartnäckig – und kann nicht von den Unternehmen alleine gelöst werden. Sie hängt stark mit gesellschaftlichen Vorstellungen zusammen. Als Arbeitgeber kann man hier schlussendlich nur Optionen bieten, annehmen müssen sie die Mitarbeitenden selbst. Und natürlich ist die Teilzeit auch bei der Competec (noch) nicht bei allen Positionen möglich.
Doch hier setzt Andri vom HR an. Er und sein Team möchten unter anderem Teilzeitarbeit in Führungspositionen fördern. Und neben der klassischen Teilzeit gibt es bei der Competec noch das Jobsharing-Modell, auch in Führungspositionen. Dabei teilen sich zwei Personen dieselben Aufgaben und Verantwortlichkeiten und handeln praktisch als eine einzelne Person.
Das Rad muss also nicht neu erfunden werden, die Möglichkeiten sind hinlänglich bekannt. Die Arbeitgeber haben es grundsätzlich in der Hand, Eltern mehr Flexibilität zu gewähren. Diese muss von der breiten Gesellschaft aber auch angenommen werden. Wenn sich Väter zu wenig für ihr Recht auf Teilzeitpensen einsetzen und Frauen automatisch immer als erstes zur Stelle sind, wenn es um die Kinder geht, wird es mit der wahren Gleichheit schwierig. Offenbar ist die Gesellschaft bezüglich Arbeitsteilung (Kinderbetreuung, Haushalt) noch nicht da angekommen, wo sich das viele wünschen. Solche Wandlungsprozesse brauchen Zeit und können nicht erzwungen werden – die gesellschaftliche Diskussion zum Thema ist weiterhin nötig und wichtig.
Redaktor
Let the Beat Hit 'em! Als passionierter Hochzeits-DJ interessiere ich mich für alles, was Musik wiedergibt. Auch privat höre ich praktisch ununterbrochen Musik, sodass in der Wohnung der eine oder andere Lautsprecher herumsteht – von ganz klein bis ganz gross. Daneben schätze ich Filme und Games im Heimkino, geniesse einen guten Whisky (natürlich mit der passenden Musik im Hintergrund) und kurve mit meinem 20-jährigen Cabrio durch den Schwarzwald.
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