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Vom virtuellen Himmel zum Pilotenschein

02.02.2026

Über den Wolken zu sein ist ein Traum für viele. Benjamin Bossart hat sich diesen Wunsch erfüllt – und sich parallel über Helikopter-Simulation und ein eigenes Home-Setup Schritt für Schritt an die Realität herangetastet. Was lässt sich zu Hause wirklich lernen, wo liegen Grenzen, und wie führt der Weg vom Joystick bis ins echte Cockpit? Ein Gespräch über Faszination, Präzision – und den Respekt, der nie verloren gehen sollte.

Das erste Mal im Cockpit: «Überforderung pur»

Der Helikopter ruht während des technischen Checks. Dann kommt das Abheben – und das Multitasking beginnt: Hände, Füsse, Blick auf den Instrumenten, Funk und das laute Wummern des Motors. Benjamin Bossart beschreibt diesen Moment beim ersten Mal als «Überforderung pur». Da ist kein Mangel an Mut – es überwiegt eine Überwältigung der Ersteindrücke. Wer zum ersten Mal im Cockpit sitzt, müsse zuerst akzeptieren, dass Helikopterfliegen filigrane Inputs und Fingerspitzengefühl benötigt. Bossart spricht von «Millimeter-Inputs». Die Korrektur ist nicht die grosse Bewegung, sondern das feine Nachführen. Und wer zu grobmotorisch wird, merkt es sofort – im echten Heli ebenso wie in der «Flight Simulation».

 

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Benjamin Bossart fliegt heute im Robinson R-44: Ein weiter Weg bis dahin, der auch via Computer-Simulationen verlief und gewisse Einblicke in die Flugmechaniken vor der ersten Flugstunde möglich machte. Quelle: Benjamin Bossart

Von Modellflug zu Stunden im R44

Bossarts Einstieg beginnt dort, wo viele Fliegerträume beginnen: beim Modellflug. Er habe als Kind Segel- und Motorflieger gebaut und geflogen, später kamen Games und Simulationen hinzu – vom frühen Flugsimulator bis zu Titeln, in denen Helikopter «nebenbei» vorkommen. Für ihn war der Drehflügler trotzdem immer in einem gewissen Rampenlicht. Ein Probeflug folgte mit Anfang zwanzig und fixte endgültig mit dem Traum von der Lizenz zum Fliegen an. Die eigentliche Ausbildung startete aber erst später.

Der simple Grund dahinter: Ein Pilotenschein ist nicht nur zeitintensiv, sondern auch eine Budgetfrage. Je nach Talent, Mindeststunden, Flugschule und Helikoptertyp könne das deutlich variieren: Im bestmöglichen Fall seien rund 50’000 CHF realistisch, bei längerer Ausbildung beispielsweise neben des Jobs oder grösserem Stundenbedarf eher 80’000 bis 90’000 CHF. Dazu kommen Theorie, Unterlagen, Prüfungsgebühren – und die Funklizenz als eigener Block.

Auch zeitlich sei es flexibel. Bei ihm habe die Ausbildung neben Vollzeitjob fast genau zwei Jahre gedauert. Mit sehr hohem Tempo – Theorie «durchziehen» und zwei- bis dreimal pro Woche fliegen – könne es auch in einem halben Jahr gehen. Die Realität liege für viele irgendwo dazwischen.

Potenziale und Grenzen der Simulation

Bossart ordnet Simulation sehr klar ein: Sie sei «nicht für jeden Aspekt geeignet», aber hilfreich, um die Steuerungsdynamik eines Helikopters zu verstehen und Abläufe zu üben. 

Ein praktisches Beispiel ist der Einstieg ins «Heli-Gefühl». Wer im echten Helikopter neu ist, müsse zuerst koordinieren lernen, ohne komplett überfordert zu sein. Bossart nennt dafür ein prägnantes Beispiel: Die Zeit bis zum ersten Schwebeflug (englisch: Hovering) sei laut Fluglehrer deutlich kürzer gewesen. Bossart sagt, dass ihm hier die Simulation bereits Grundkoordination und Verständnis vorbereitet habe. 

Gleichzeitig gibt es eine Grenze für virtuelles Fliegen: Perfektion entsteht nicht zu Hause. Für das saubere Hovering brauche es «den echten Deal»: Die Luft, den Sitz, die Vibrationen, den Wind – und die reale Situation im Cockpit, nicht  einfach schnell auf Pause drücken zu können.

Bossart unterscheidet dabei auch mental: Respekt beim Fliegen gehöre dazu, Stress nicht unbedingt, vielleicht anfangs. Stress sei für ihn eher eine negative Überforderung – und genau das sollte im Cockpit mit entsprechender Erfahrung vermieden werden können. Konzentration und Achtsamkeit seien stete Begleiter.

Autorotation und Simulation

Wenn es um das Training zu Hause geht, landet Bossart schnell bei Manövern, die in der Realität zwar geübt werden, aber nicht endlos wiederholt werden können. Autorotation ist das bekannteste Beispiel: Ein Triebwerks- oder Keilriemen-Ausfall bedeutet nicht automatisch Absturz, sondern verlangt eine kontrollierte Landung, bei der der Luftstrom den Rotor weiterdreht. Bossart beschreibt das sinngemäss wie «Segelfliegen – nur anspruchsvoller und deutlich steiler».

Der Vorteil im Simulator ist banal, aber verständlich: In der Realität wird nach jeder Übung wieder Höhe aufgebaut, Zeit vergeht, Sprit verbrennt und die Kosten laufen. In der Simulation genügt ein «Reset», und die Ausgangshöhe ist wieder erreicht. Das macht aus einem seltenen Übungsmoment eine effektive Lernschleife.  Ausserdem kann in der virtuellen Welt auch die Grenze bis zum Absturz ausgereizt werden, ohne die realen Konsequenzen tragen zu müssen.

In zertifizierten Simulatoren der Flugschule können riskante Fluglagen  erprobt werden, die man real kaum « testen» würde. Bossart nennt als Beispiel Mast Bumping – eine gefährliche Dynamik, bei der ungünstige Belastungen dazu führen können, dass der Rotor in Richtung Heckausleger schlägt. Im Simulator lässt sich verstehen, warum das passiert – ohne dass es je passieren darf. Und im teuren Flugsimulator vor Ort, der auch Force Feedback und Kollisionen simuliert, werden die virtuellen Stunden auch wirklich angerechnet.

Anerkannt wird Simulation in der Ausbildung nur dann, wenn es sich um diesen zertifizierten Simulator handelt. Bossart konnte in seiner Lizenz sechs Stunden im offiziellen Simulator akkreditieren lassen. Home-Simulation zählt dafür nicht – was den Wert zu Hause aber nicht schmälert. Der Nutzen liegt im verinnerlichten Verständnis, nicht nur im gefüllten Logbuch.

 

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Die wichtigsten Elemente eines Helikopter-Setups

Cyclic (Steuerknüppel): Der Stick steuert die Neigung der Rotorebene nach vorne, hinten und zur Seite. Damit entstehen Richtung und Geschwindigkeit – und vor allem die feinen Korrekturen, die Helikopter «ruhig» machen.

Collective (Pitch-Hebel links): Der Hebel verändert den Anstellwinkel der Rotorblätter gleichzeitig. Mehr Collective bedeutet mehr Auftrieb und Steigen, weniger bedeutet Sinken. In der Praxis hängt daran auch Leistung und Drehmoment – und damit die Arbeit der Pedale.

Anti-Torque-Pedale (Heckrotor-Pedale): Sie gleichen das Drehmoment aus und drehen die Nase. Im Helikopter sind sie nicht nur fürs Kurvenfliegen wichtig, sondern permanenter Teil der Stabilität.

Throttle / Power Control: Je nach Muster und Simulation als eigener Regler oder gekoppelt. Wichtig ist die Idee: Leistung und Rotordrehzahl müssen kontrolliert bleiben.

Instrumente / Panel: Anzeigen für Höhe, Geschwindigkeit, Kurs und Motordaten. In der Flugschule lernt man auch den Instrumentenflug. Diese werden auch im Sichtflug stetig kontrolliert – ähnlich wie der Kontrollblick im Auto in den Rückspiegel.

Drei Stufen zum Flight-Sim-Setup:

Bossarts Setup ist über Jahre gewachsen: erst Joystick, dann (anfangs günstige) Pedale und später bessere Komponenten, wie beispielsweise ein Collective. Viele merken erst nach einigen Abenden, ob Helikopter-Simulation eine kurze Phase bleibt – oder ein Hobby, das trägt und vertieft werden möchte.

Stufe 1: Einstieg – Joystick fürs erste Fluggefühl

Für den Anfang genügt ein solider Joystick, der kleine Inputs sauber abbildet. In dieser Phase geht es weniger um «Realismus bis zur letzten Schraube» als um Gewöhnung: ruhiger werden und nicht übersteuern. Wer hier schon merkt, dass das Thema fesselt, hat den wichtigsten Schritt gemacht.

Stufe 2: Pedale – das Multitasking im Cockpit beginnt

Bossart nennt die Pedale als die grösste Hürde, und das passt: Sobald die Füsse mitarbeiten, wird klar, warum Helikopter so anders sind. Pedale bringen Ordnung in das Drehmoment-Spiel, sie machen Stabilität plötzlich erklärbar – und damit trainierbar.

Stufe 3: Collective und bessere Kontrolle – vom Spiel zum Training

Mit Collective wird Helikopter-Simulation deutlich realistischer, weil die linke Hand ins Zusammenspiel kommt. Viele erleben hier den Aha-Moment, weil klar wird, weshalb eine kleine Veränderung am Collective sofort Pedalarbeit nachzieht. Ab dieser Stufe ergibt auch ein Panel oder eine sinnvollere Halterung mehr Sinn, weil Handgriffe wiederholbar werden.

Ergänzend kommen Sichtsysteme ins Spiel: VR kann Immersion und Blickführung stark erhöhen, verlangt aber ein Setup, das blind bedienbar ist. Headtracking ist oft der pragmatische Zwischenschritt, wenn es vor allem um Rundumsicht und «aus dem Cockpit schauen» geht.

Hier das bereits sehr fortgeschrittene Setup von Bossart heute auf einen Blick. Das Grundgerüst ist ein «Next Level Racing Flight simulator Boeing Military NLR-S028». Quelle: Benjamin Bossart

Reality-Check: Gute Gewohnheiten sind wertvoller als teure Hardware

Simulation kann der erste Schritt zum Fliegen sein und erlaubt ideal ein ruhiges Vertrautmachen mit dem Gefühl des Helikopterfliegens. Bossart erzählt, dass er seine Pedale zu Hause eine Zeit lang invertiert hatte, weil es sich intuitiver anfühlte. Im echten Helikopter ist es dann genau andersherum. Die Umgewöhnung war möglich, aber erforderte eben das Umlernen einiger verinnerlichter Koordinationen im Muskelgedächtnis.

Die Lektion kann daraus abgeleitet werden: Wer Simulation als Brücke zum Pilotenschein nutzen möchte, stellt das Setup so realistisch wie möglich nach. Nicht, um Perfektion zu imitieren, sondern um sauber zu lernen. Gerade bei Helikoptern lohnt sich diese Konsequenz, weil kleine Gewohnheiten später grosse Wirkung haben können. Denn im Cockpit gibt es schon genug neue Reize, sodass eine reibungslose Vertrautheit mit der Basis Vorteile und Ruhe bringen kann.

Vom Sim-Fliegen zum echten Helikopter: So manches kann vor dem ersten echten Flug erlernt werden, wenn das Setup richtig aufgebaut und realistisch konfiguriert wird. Quelle: Maximilian Bauer

Zurück ins Cockpit: wenn aus Multitasking plötzlich Luft wird

Helikopterfliegen ist am Anfang körperlich spürbar: Die erforderliche Konzentration kann schweisstreibend sein, weil Hände und Füsse erst lernen müssen, gleichzeitig ruhig zu bleiben. Bossart beschreibt, wie sich nach einigen Stunden etwas verschiebt: Checks laufen sicherer, Inputs werden kleiner und die kognitive Arbeitslast wird routinierter. Dann entsteht Raum – und damit etwas, das auf Videos und Fotos aus dem Cockpit oft selbstverständlich wirkt, im Cockpit aber erarbeitet wird: Zeit, um wirklich zu schauen.

Seinen ersten Soloflug beschreibt er so: «Plötzlich sitzt man alleine in der Maschine. Kein Fluglehrer nebenan. Und dann schaut man rechts raus und sieht im Hintergrund die Alpen. In dem Moment merkt man: Jetzt fliege ich wirklich.» Der Weg zu diesem ersten Blick geht über zahllose Flugstunden, Übungen, Theorie-Tests und viel Schweiss. Doch dann lohnt sich der magische Anblick der Berge in der untergehenden Abendsonne, während der Helikopter majestätisch dahingleitet.

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein? So fühlt es sich fast an, abgesehen vom Spritverbrauch und der Komplexität hinter dem Fliegen. Quelle: Maximilian Bauer

Der Einstieg beginnt nicht im Cockpit, sondern davor

Helikopterfliegen bleibt eine Königsdisziplin, weil die Steuerung tiefgründiges Wissen und filigrane Motorik erfordert. Wer über Simulation einsteigt, kauft sich keinen Pilotenschein – aber etwas sehr Wertvolles: Verständnis und den Raum für ruhiges Üben ohne Zeit- und Gelddruck. Gewonnen werden kann vorab Verständnis für die Logik der Steuerung, Wiederholungsspielraum für Flugversuche, Übungspotenzial für die nötige Präzision. Alles Faktoren, die am Ende auch im echten Cockpit vorteilhaft wirken können.

Manchmal bleibt es beim Home-Setup und der Freude an diesem millimetergenauen Handwerk. Manchmal wird daraus der nächste Schritt: eine Schnupperlektion, ein Trainingsplan und eine Pilotenausbildung. Und wer sich noch nicht sicher ist, findet hier einen guten Anfang – nicht als Abkürzung, sondern als Vorbereitung. Denn der Moment, in dem Helikopterfliegen wirklich zur puren Freude wird, entsteht nicht spontan, sondern wird langwierig aufgebaut: über Stunden der Übung und eine Leidenschaft, die vielleicht auch im Flight-Sim-Setup zuhause zum ersten Mal beginnen kann.

Wer von euch hat Erfahrung mit Heli-Sim oder auch echtem Helikopterfliegen, wenn auch nur als Passagier? Was sind eure schönsten Erfahrungen in dem Feld, und habt ihr Lust mit dem Fliegen anzufangen? Lasst es uns in den Kommentaren wissen. 😉 

 

Quelle Titelbild: Maximilian Bauer

Maximilian Bauer

Marketing Manager Editorial Content

Ehemaliger Kulturjournalist, heute Unternehmenskommunikator mit B2B-Hintergrund in öffentlichen Institutionen und der Softwareindustrie. In meiner Freizeit dreht sich vieles um Technik in allen Facetten: eine zu grosse Gitarrensammlung, jede Menge Audio-Equipment und ungebrochene Musikleidenschaft. Dazu kommt das Fotografenauge – mit Schwäche für (leider) viel zu teure Kameras – und meine nostalgische Liebe zu PC-Spielen: von taktischen Shootern über Rollenspiele bis hin zu Strategie-Klassikern. Bei Brack darf ich über all das schreiben, was mich schon immer fasziniert hat.

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