
Wie Jugendliche trinken, verzichten: Folgen für die Nachtkultur
Der Alkoholkonsum bei jungen Menschen sinkt. Auch ich kenne das aus meinem Freundeskreis. Doch ist Alkohol tatsächlich schlecht oder ist es das Übermass, das problematisch ist? Und hat der Nicht-Konsum Konsequenzen? Ich habe bei vier Freund:innen nachgefragt – zwei trinken, zwei verzichten.
Die Nacht lebt – aber wovon?
Das Newsportal Watson schrieb vor gut einem Jahr: «Party ohne Promille - Zürcher Clubs kämpfen wegen tieferem Alkoholkonsum ums Überleben» und thematisiert damit ein Problem, das viele Clubs kennen. Trotz stabiler Besucherzahlen verschwinden immer mehr Ausgehmöglichkeiten aufgrund der schwindenden Einnahmen. Das Problem: Alkohol ist nicht mehr so verlockend wie früher.
Bis jetzt existiert «die Kultur der Nacht» grösstenteils ohne grosse staatliche Unterstützung. Es gibt aber bereits Fälle, wie Basel-Stadt, wo ab diesem Jahr rund 6.6 Millionen Franken in die Nachtkultur fliessen. Ebenfalls wird seit November 2020 die Basler Trinkgeld-Initiative erhoben, die die Jugend- und Alternativkultur stärkt. Diese Mittel dienen, um anspruchsvolle Programme zu bieten und faire Löhne zu zahlen. Zürich fördert die kulturelle Szene nur vereinzelt, etwa durch Pilotprojekte (z.B. Helsinki, Moods) oder Live-Veranstaltungen. Obwohl die Bar- und Clubkommission (BCK) es fordert, werden Bars und Clubs bislang nicht direkt finanziell unterstützt.
Clubs und Bars sind in der Regel selbsttragend und erhalten den grössten Teil ihres Umsatzes durch den Verkauf von Alkohol. Jedoch ist es in Zeiten wie diesen schwierig, da solche Partystätten durch den sinkenden Alkoholkonsum bedroht werden. Watson schreibt: «Heute gebe es «40 Prozent weniger Einnahmen pro Gast» als früher». Dazu kommt noch die Gentrifizierung, welche der Nachtkultur einen weiteren Strich durch die Rechnung macht.
Alkohol – ja, aber mit Mass
Isabella Marty (19) und Andrin Egger (20) sind zwei Freunde von mir, welche den «gelegentlichen» Konsum von Alkohol geniessen. Beide trinken aus Lust, Freude und Spass. Sie sagen ebenfalls, dass die Menge massgebend ist und beim Konsum immer Vorsicht geboten werden soll. Egger erwähnt hierbei: «Im Endeffekt vergiftet man sich selbst», woraufhin Marty zustimmt.
«Ich finde es aber schön, dass Alkohol Personen verbindet», sagte Marty. Es gäbe ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl. Genau deshalb kann sie nachvollziehen, dass sich Personen nicht gezwungen, sondern überredet fühlen zum Konsum. Der Gruppenzwang entsteht somit durch die gesellschaftliche Normalisierung und gängige Präsentation. Das heisst aber auch, dass es zur Ausgrenzung kommen kann und man sich auf die Frage «Warum trinkst du keinen Alkohol?» rechtfertigen muss.
Egger lässt sich gerne mitziehen, gibt jedoch auch zu, jemand zu sein, der auch andere zum Konsum überredet. Er meint, dass Alkohol das Selbstwertgefühl steigern kann und ebenfalls könnte es impulsives Verhalten verstärken. Er behauptet dabei: «Ich kann mir vorstellen, dass viele Täter bei sexuellen Übergriffen unter Alkoholeinfluss stehen, weil es die Hemmschwelle verringert.»
Während für Egger eine Partynacht unter 150.- Franken nicht in Frage kommt, versteht Marty das heutige Dilemma noch eher: «Kein Wunder, dass Jugendliche heute nicht mehr in Clubs gehen. Es ist unglaublich teuer.» Sie meint, wenn nur schon der Eintritt 35.- Franken koste, sei sie als Gymnasiastin nicht bereit, noch mehr Geld auszugeben. Egger entgegnet aber, dass die ausschlaggebende Haupteinnahme der Club- und Bar-Szene im Alkohol liegt. Das eine ginge nicht ohne das andere. Er gäbe zu, es sei teuer, jedoch mache es Spass und deshalb sei er bereit, dafür in die Tasche zu greifen. Es sei ein Erlebnis «worth doing».
Die andere Seite der Nacht
Elin Brandenberg (18) und Ashley Schibler (18) gehören zu meinen Freund:innen, welche bewusst keinen Alkohol konsumieren. Beide betonen, dass sie den Alkoholkonsum nicht verurteilen, für sich persönlich jedoch klar ablehnen. Brandenberg beschreibt Alkohol als gesellschaftlich stark normalisiert – oft nicht mehr als Suchtmittel, sondern als Genuss- und Lifestyleprodukt wahrgenommen. Alkohol verbinde Menschen, vermittle Zugehörigkeit und mache soziale Anlässe attraktiver. Genau darin liege jedoch auch ein gewisser Druck.
Brandenberg lebt in einem Umfeld, in dem Alkohol selbstverständlich konsumiert wird. Dennoch sieht sie keinen Grund, ihre Haltung anzupassen. Sie betont, dass das Recht zu trinken genauso existiere wie das Recht, es nicht zu tun. Wichtig sei ihr ein respektvolles Nebeneinander beider Seiten, insbesondere in der Club- und Bar-Szene. Niemand solle aufgrund seines Konsumverhaltens von sozialen Events ausgeschlossen werden.
Ihre Gründe für den Alkoholverzicht sind vielfältig. Einerseits nennt Brandenberg familiäre Erfahrungen mit Alkohol, die von Aggressivität und Gewalt geprägt waren. Andererseits beschreibt sie sich als gesundheitsbewusst und weist auf kurz- wie langfristige körperliche und psychische Folgen hin. Alkohol könne zudem als Kompensationsmechanismus dienen, weshalb sie bewusst auf Alternativen wie Sport oder Lesen setze.
Auch der mögliche Kontrollverlust spielt für sie eine zentrale Rolle. Besonders beim Feiern könne Alkohol das eigene Verhalten sowie das der Mitmenschen unberechenbar machen. Brandenberg fühlt sich in alkoholgeprägten Umfeldern oft unwohl und bevorzugt ruhigere soziale Räume. Schibler stimmt ihr zu und ergänzt, dass es auch Jugendliche gebe, die Alkohol schlicht nicht mögen – weder den Geschmack noch das Gefühl des Rausches.
Beide erkennen an, dass Alkohol in der Gesellschaft auch positive Funktionen haben kann. Gemeinsames Anstossen verbinde und habe Symbolkraft. Gleichzeitig sehen sie klare negative Konsequenzen wie gesundheitliche Schäden, Geldprobleme, Beziehungsbelastungen sowie ein erhöhtes Risiko für Gewalt. Nicht zu trinken, bringe jedoch ebenfalls Folgen mit sich, etwa sozialen Druck oder die Notwendigkeit, sich rechtfertigen zu müssen – ein Umstand, mit welchem sich viele Nicht-Konsumierende abgefunden hätten.
Ein neues Normal
Letztens hatte ich eine spannende Unterhaltung in der Berufsschule, wobei eine Mitschülerin, eine Alkoholkonsumentin, aber nicht unbedingt eine Befürworterin, meinte, dass es sich um eine Verlagerung handelt. Für lange Zeit wurde der «Ausgang» als sozialer, kultureller Austausch genutzt. Nun wo diese Szene mehr und mehr verschwindet, heisst das nicht, dies zu verlieren. Sie gehe beispielsweise zwei bis dreimal die Woche ins Fitnessstudio mit Freund:innen und liebe die gemeinsame Aktivität.
Meine Mitschülerin meint: «Veränderung ist was Gutes und ich verstehe nicht, wieso man immer an konservativen Meinungen festhalten soll.» Dabei bezieht sie sich auf die gesundheitsbewusste Jugend von heute und dass diese die Debattenkultur prägt. In Diskussion und Austausch kann die Gesellschaft wachsen, denn Alkohol birgt nun mal das Potenzial physisch wie auch psychisch schädliche Nebenwirkungen für den Menschen.
Nachtkultur als soziales Gut
Die Club- und Bar-Szene ist ein kulturelles wie auch soziales Gut. Es ist nicht nur ein Ort, um sich mit seinen Liebsten auszutauschen, sondern auch um neue Personen kennenzulernen. Alkohol hat positive und negative Facetten. Auf der einen Seite senkt Alkohol die Hemmschwelle und kann bei Konflikten und Übergriffen ein ausschlaggebender Faktor sein. Auf der anderen Seite kann die berauschende Substanz aber auch positiv jemandem den nötigen Mut einverleiben, sich auf die Tanzfläche zu trauen und seinen Gefühlen Ausdruck zu geben. Es kann ein Werkzeug sein, welches eine lustige Situation so weit verstärkt, dass sie eine Erinnerung für das ganze Leben bleibt. Es kann dich von deinem stressigen Alltag lösen und dir helfen als Person neue Facetten zu entdecken, abenteuerliche Abende zu wagen und Erfahrungen zu sammeln. Dabei bleibt Alkohol ohne Frage nicht das gesündeste Konsumgut der Welt. Aber manchmal will man nicht Kalorien, sondern Erinnerungen zählen.
Meine Meinung
Ich trinke gerne – nicht im Übermass – aber zugegeben: Was gibt es Schöneres als an einem Sommerabend noch ein Bierchen zu «zischen» oder ein «Glässchen» Wein zu geniessen? Alkohol zu konsumieren, heisst nicht unbedingt die Kontrolle zu verlieren. Beispielsweise mache ich immer eine kurze Pause, sobald ich beginne, den Alkohol zu spüren. Ich finde es einfach schade, den Konsum zu boykottieren, statt das Übermass. Mit Freund:innen in eine Bar oder in einen Club zu gehen, heisst für mich nun mal den Alltag vorerst loszulassen und im Moment zu leben. Und zu denken, dass jede:r einfach machen kann, was er oder sie will ohne gesellschaftliche Konsequenzen, stimmt nur bedingt.
Viele Bars und Clubs gehen verloren oder orientieren sich neu. Vieles, was für die Konsumentengruppe als wertvoll angesehen wird, wird umgewandelt für alternative Personengruppen. Ich wäre so gern mal in die «Zuki», Club Zukunft, gegangen. Ein Club, welcher für die Zürcher Party-Szene schon seit 20 Jahren ein Highlight war, jedoch durch Gentrifizierung und den sinkenden Konsum von Alkohol schliessen musste.
Ich finde auch die neue Studie im Fachjournal JAMA spannend. Diese zeigt, dass auch moderater Alkoholkonsum sich eher negativ auf die Gesundheit auswirkt. Heisst das, man sollte komplett auf Alkohol verzichten? Suchtexperte Markus Meury ordnet gegenüber SRF ein: Ein «angemessener» Konsum könne zwar gegen Herzprobleme und Diabetes helfen, es erhöhe aber auch das Risiko, an Krebs oder anderen Krankheiten zu erkranken. Gemäss dem Experten sind negative und positive Effekte bei einem Konsum von bis zu einem halben Glas pro Tag etwa im Gleichgewicht.
Daher empfinde ich einen radikalen Verzicht für nicht nötig. Es hilft schon, wenn man sich bewusst damit auseinandersetzt und das Mass dosiert. Vielleicht lässt sich so eine Balance finden zwischen Gesundheit und der Bewahrung der Nachtkultur.
Quelle Titelbild: Unsplash | Stanislav Ivanitskiy
Lernender Mediamatiker
Schon früh zeigte sich meine Leidenschaft für kreative Ausdrucksformen. Ob auf der Theaterbühne, beim Tanzen oder als Wasserratte – Bewegung und Ausdruck geben mir Energie und Freiheit. Design und Fashion sind für mich mehr als Ästhetik: Ich liebe es, mit Formen, Farben und Stilen zu spielen und Inspiration im Alltag zu finden. Begleitet werde ich dabei ständig von Musik, in der ich mich gerne verliere und die meine Kreativität antreibt.
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