
Paula mit Tele-Twist: PRS SE McCarty 594 Singlecut im Praxischeck
Vor rund 15 Jahren hatte ich eine der ersten McCarty 594 SE in Händen – optisch grosses Kino, konzeptionell spannend und klanglich knackige Humbucker. Aber: Die Qualität war damals schlicht nicht dort, wo ich sie bei PRS erwartet hätte. Die Gitarre verstimmte sich schnell, die Bünde waren nicht sauber gearbeitet, Saiten schnarrten im hohen Register. Doch es hat sich viel geändert seit diesen Tagen.
Mit der aktuellen PRS SE McCarty 594 Singlecut habe ich der Serie eine zweite Chance gegeben. Gesucht habe ich eine Gitarre, die:
- die klassische Les-Paul-Singlecut-Form liefert,
- ergonomisch und gewichtsmässig aber näher an einer modernen PRS ist,
- klanglich vom Humbucker-Brett bis zum Tele-Twang mitspielt
- und preislich nicht in der Custom-Shop-Stratosphäre schwebt.
Kurz gesagt: eine «Paula mit dem gewissen Tele-Twist» für den Alltag – und genau so fühlt sich dieses Instrument in der Praxis an.
Diese E-Gitarre besticht in hochqualitativer Optik. Das Gold Burst schimmert wunderbar und bietet in verschiedenen Lichtumgebungen einen echten Hingucker. Quelle: Maximilian Bauer
Ersteindruck und Verarbeitung
Die Testgitarre kommt im Finish Black Gold Burst. Das wirkt in echt genau so edel, wie es klingt: Die Decke zeigt einen schön gezogenen Burst, der Verlauf ist gleichmässig, nichts wirkt fleckig oder «billig getuscht». Der Korpus-Rücken ist schwarz lackiert, Griffbrett und Kopfplatte fügen sich optisch stimmig ein. Dass die Frontlackierung nicht komplett um den Body gezogen ist, ist in dieser Preisklasse nicht ungewöhnlich – schade wäre hier zu viel gesagt, eher ein neutraler Designentscheid.
Verarbeitungstechnisch macht die SE McCarty 594 einen sehr aufgeräumten Eindruck:
- Die Bundenden sind sauber verrundet, kein scharfer Grat, nichts steht über.
- Die Tonabnehmer sitzen ordentlich in ihren Rähmchen, Schrauben und Hardware sind sauber montiert.
- Die Polstücke stehen dort, wo sie hingehören – in Reihe unter den Saiten, kein schiefer Eindruck, wie man ihn bei günstigeren Serien leider manchmal sieht.
Hals, Gewicht und Bespielbarkeit
Beim ersten Anfassen fällt das Gewicht auf – oder vielmehr das, was fehlt. Mit rund 3,4 kg ist die SE McCarty 594 deutlich leichter als viele klassische Gibson Les Pauls, die gerne Richtung 4 kg und darüber gehen. Gleichzeitig ist sie keine federleichte Strat, sondern fühlt sich nach «echter Gitarre» an, ohne den Rücken zu bestrafen. Auf dem Schoss wie am Gurt hängt sie ausgewogen, Kopflastigkeit ist kein Thema.
Der Hals liegt irgendwo zwischen schlanker Vintage-LP und typischer moderner PRS. Für mich ist das eine sehr angenehme Mixtur: genug Fleisch, um sich satt anzufühlen, ohne zum dicken Prügel zu mutieren. Die Mensur von 24,594" hält das Spielgefühl schön geschmeidig, ohne zu labberig zu werden. Barré-Akkorde greifen sich entspannt, und gerade Bends geben diesen Vibe zwischen Classic Rock und Blues. Die Harmonie und Reflektion der Töne im Instrument fühlen sich organisch an.
Spannend wird es in den hohen Lagen. Der Hals-Korpus-Übergang ist PRS-typisch gut ausgeformt; der Zugang zu den oberen Bünden ist deutlich komfortabler als bei einer traditionellen Paula mit kantigem Heel. Ich komme normalerweise von einer PRS Custom 24 Modern Eagle mit 24 Bünden – die zwei fehlenden Bünde merke ich, aber innerhalb der 22-Bund-Realität macht die 594 den Weg nach oben so einfach, wie man es sich wünschen kann. Bends weit oben, kleine Licks auf den letzten Bünden, auch mal ein Barré weiter oben auf dem Hals: alles fühlt sich erstaunlich leichtgängig an für eine Gitarre, die optisch eher klassisch daherkommt.
Soundbeispiel der E-Gitarre:
Von sahnigem Humbucker bis knackigem Single-Coil-Sound
Klanglich positioniert sich die SE McCarty 594 interessant im Feld zwischen Les Paul, PRS-Allrounder und Telecaster.
Mit den Humbuckern klingt die Gitarre klassisch dick, ohne zugemauert zu sein. Clean und leicht angezerrt ist ihr Sweet Spot:
- Akkorde stehen satt,
- Einzeltöne haben Definition,
- das Ganze wirkt warm, aber nicht zugeschmiert.
Die Gitarre reagiert dynamisch auf Anschlag und Volume-Potis – das, was viele an PRS schätzen: leicht zurückgedrehter Volume-Regler, und der Sound öffnet sich; aufgedreht, und es wird dichter, ohne direkt zu matschen. Hier ergeben sich, wie im Sound-Demo hoffentlich ersichtlich, reichlich klangliche Spielräume und Variationsmöglichkeiten.
Der klassische Paula-Ton im Sinne von stark komprimiertem, sehr mittigem Rockbrett ist es für mich nicht. Die 594 wirkt insgesamt moderner, offener. Wer genau das sucht, wird das eher als Vorteil empfinden: Sie sitzt nicht nur in einem engen Genre-Korridor, sondern lässt sich für Rock, Pop, Alternative, Singer/Songwriter und alles dazwischen sinnvoll einsetzen.
Die eigentliche Überraschung sind die Coil-Splits. Viele Split-Schaltungen in dieser Preisklasse klingen, als hätte man dem Humbucker einfach Höhen und Pegel weggenommen – mehr «Humbucker auf Diät» als Single-Coil. Hier ist das anders. Gerade beim Neck-Pickup erinnert der gesplittete Klang sehr an eine gute Telecaster:
- frisch,
- leicht harzig,
- knackig in den Höhen,
- perfekt für Chord-Comping, Arpeggios, Loops.
In der Praxis erwische ich mich dabei, die Splits sehr häufig zu nutzen: Knackige Rhythmusparts oder Loops mit gesplitteten Pickups, darüber Soli mit den vollen Humbuckern – dazwischen liegen klanglich Welten, aber das Instrument bleibt sich im Charakter treu. Für eine Gitarre in diesem Preisbereich ist das keine Selbstverständlichkeit.
Technische Details
Angaben können je nach individuellem Modell und Jahrgang variieren. Am besten die Details beim jeweiligen Händler nochmals prüfen.
- Modell: PRS SE McCarty 594 Singlecut
- Korpus: Mahagoni mit Ahorndecke (Carved Top)
- Finish: z.B. Black Gold Burst
- Hals: Mahagoni, eingeleimt
- Halsprofil: Pattern Vintage
- Griffbrett: Palisander mit PRS Birds Inlays
- Mensur: 24,594"
- Bünde: 22 Medium Jumbo
- Bridge: PRS Stoptail im McCarty-Style
- Pickups: 2x PRS 58/15 LT «S» Humbucker
- Regler: 2x Volume (je Pickup), 2x Tone (je Pickup, Push/Pull für Coil-Split), 3-Wege-Toggle
- Mechaniken: PRS-Style Tuner mit Kunststoff-Buttons
- Werksbesaitung: .010–.046
- Gewicht Testinstrument: ca. 3,4 kg
Alltagstauglichkeit: Setup, Stimmung und Qualitäts-Sprung
Die Testgitarre kam ab Werk beeindruckend gut eingestellt:
- Intonation sauber,
- Saitenlage praxisnah,
- keine scheppernden Bünde,
- und selbst «trocken» – also ohne Amp – hat sie sich so gut angefühlt, dass ich mehrere Stunden einfach nur unverstärkt gespielt habe.
Bei der Stimmstabilität liefert die SE McCarty 594 ebenfalls ordentlich ab. Mit normaler Spielweise, moderaten Bends und ohne Tremolo-Orgie bleibt die Gitarre über mehrere Stunden im stimmbaren Bereich. Locking-Tuner wären natürlich noch einmal ein Bonus, aber gemessen an der Preisklasse führt die fehlende Locking-Hardware hier zu keinem echten Praxisproblem.
Der wichtigste Punkt im Vergleich zu meiner ersten Erfahrung mit einer frühen McCarty 594: Die aktuelle SE-Version wirkt wie ein Qualitäts-Sprung einer ganzen Generation. Wo das Modell damals für mich an unsauberer Bundierung und schwacher Werksabstimmung gescheitert ist, fühlt es sich heute nach gereifter Serienproduktion an. Für den aufgerufenen Preis steht hier ein Instrument, das sich eher wie «kleines Premium» als wie «gute Mittelklasse» anfühlt.
Einordnung und Fazit
Die PRS SE McCarty 594 Singlecut ist für mich klanglich ein echter Tausendsassa:
- Sie bedient das klassische Humbucker-Feld souverän,
- liefert über die Coil-Splits ernstzunehmende, Tele-nahe Single-Coil-Sounds,
- bleibt ergonomisch angenehm und gewichtsmässig alltagstauglich,
- und macht sowohl am Amp als auch einfach unverstärkt Spass.
Sie ersetzt eine hochpreisige PRS Custom 24 Modern Eagle natürlich nicht – das will und soll sie auch nicht. Aber gemessen am Preis bietet sie eine Kombination aus:
- Les-Paul-Optik,
- moderner PRS-Ergonomie,
- und einem überraschend facettenreichen Klangbild,
die sie im direkten Umfeld ihrer Preisklasse sehr attraktiv macht.
Wenn du eine Gitarre suchst, die:
- nach klassischer Singlecut aussieht,
- sich nicht wie ein Ziegelstein anfühlt,
- dich klanglich nicht auf eine enge Rock-Nische festnagelt,
- und bei Bedarf sowohl sahnigen Humbucker-Sound als auch knackigen Tele-Twang liefert,
dann ist die PRS SE McCarty 594 Singlecut definitiv einen sehr genauen Blick, ein paar Stunden auf dem Schoss – und wahrscheinlich den Platz in der Gitarrensammlung wert.
Pro & Contra
Pro ➕
- Sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis – wirkt deutlich teurer, als sie ist
- Angenehmes Gewicht und gute Balance, kein «Les-Paul-Ziegelstein»
- Vielseitiger Klang: Humbucker-Cream bis Tele-artiger Twang über Coil-Splits
- Coil-Splits in der Praxis wirklich nutzbar, nicht nur Marketing-Feature
- Sehr gutes Werks-Setup: bundrein, spielfertig, trocken schon inspirierend
- Saubere Verarbeitungsqualität bei Bünden, Hardware und Elektronik
Contra ➖
- Plastik-Tuner-Buttons bremsen optisch das ansonsten sehr hochwertige Gesamtbild
- Nur 22 Bünde – wer von 24-Bund-PRS kommt, wird den Extra-Spielraum vermissen
- Kein 1:1-Gibson-Paula-Sound, eher moderner, offener Grundcharakter
- Keine Locking-Tuner – Stimmstabilität gut, aber nicht «Luxusklasse»
Quelle Titelbild: Maximilian Bauer
Marketing Manager Editorial Content
Ehemaliger Kulturjournalist, heute Unternehmenskommunikator mit B2B-Hintergrund in öffentlichen Institutionen und der Softwareindustrie. In meiner Freizeit dreht sich vieles um Technik in allen Facetten: eine zu grosse Gitarrensammlung, jede Menge Audio-Equipment und ungebrochene Musikleidenschaft. Dazu kommt das Fotografenauge – mit Schwäche für (leider) viel zu teure Kameras – und meine nostalgische Liebe zu PC-Spielen: von taktischen Shootern über Rollenspiele bis hin zu Strategie-Klassikern. Bei Brack darf ich über all das schreiben, was mich schon immer fasziniert hat.
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