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Digital ist keine Kunst: Warum Filmfotografie unsere Wahrnehmung verändert

20.01.2026

Der Strassenfotograf Kaleo wird bei seiner Arbeit mit einer grundsätzlichen Frage konfrontiert: Ist nur analoge Fotografie echte Kunst? Tatsächlich erlebt das Fotografieren auf Film ein echtes Comeback. Während digitale Bilder im Sekundentakt entstehen, greifen immer mehr junge Menschen wieder zur Analogkamera. Doch was steckt hinter diesem Trend?

«Real photographers use film»

Am 12. Dezember 2025 begegneten sich in New York zwei Fotografen aus unterschiedlichen Generationen und fotografischen Welten. Der junge Fotograf und Filmproduzent Ayrton Kaleo fotografiert Passant:innen auf den Strassen des Big Apple. Sein Fokus liegt auf spontanen Momenten, auf Individuen, auf dem flüchtigen Ausdruck einer Stadt in Bewegung. Als er dann aber einen Mann, den er als «OG» (Original Gangster, steht für echte und authentische Zeitzeug:innen) bezeichnet, fotografieren möchte, reagiert dieser mit der Aussage «Real photographers use film» - also «Wahre Fotografen fotografieren analog».

Was zunächst provokativ klang, entwickelte sich zu einem unerwarteten Austausch. Der Mann erzählte von seinen Anfängen in den Neunzigerjahren, vom Fotografiestudium, wie er sich langsam in der Branche einen Namen machte. Er sprach über Werte, über Respekt gegenüber den Menschen vor der Kamera – und darüber, dass Fotografie mehr sei als Technik oder Output.

«Versuch es doch einfach, deine Arbeit wird mehr wert sein»

Der Austausch bekam noch mehr Gewicht, als der OG dem jungen Fotografen Kaleo eine analoge Kamera kaufte. Nicht als Geste der Belehrung, sondern als Einladung. Mit der Begründung, dass auch er einst Unterstützung aus der Community erhalten habe – finanziell wie menschlich. Diese unterstützten den OG mit der nötigen Ausrüstung, Trinkgeld und Tipps, welche wichtig als Fotograf sind.

Er vermittelt darüber hinaus eine zentrale Haltung der klassischen Strassenfotografie:
Wer fotografiert, nimmt nicht nur – er gibt auch zurück: Aufmerksamkeit. Respekt. Aus der Begegnung entstand eine Freundschaft und bis heute lehrt OG ihm, wie man als Strassenfotograf mit der Kamera umgeht. Es geht um die Kunst, den richtigen Moment zu erwischen, um die porträtierte Person in ihrer wesentlichen Essenz abzubilden.

Die Sehnsucht nach Echtheit

Im Zeitalter von Filtern, KI-Optimierungen und perfekten Bildern wächst die Sehnsucht nach dem Unperfekten. Analoge Fotos sind genau das: nicht beliebig reproduzierbar, nicht sofort kontrollierbar – und gerade deshalb besonders. Jeder Klick kostet Geld, jedes Bild zählt, jedes Bild hat einen tatsächlichen Wert. Diese Aspekte verändern den Blick durch den Sucher. Ich selbst empfinde digitale Bilder eher als distanziert und analoge Fotografien emotionaler und direkter. Dies liegt daran, dass analoge Fotografien, viel wärmer und authentischer wirken.

Wir leben in einer «copy und paste» -Ästhetik dominierten Welt, wobei gefühlt alle das gleiche Foto veröffentlichen, welches auf Social-Media gerade viral geht und den neusten Trend vorgibt. Freund:innen von mir erstellen sich Moodboards für ihre Ferien oder spezielle Events, welche sie dann mit ihren Smartphones nachahmen können. Dies ist mit der Analogkamera nicht möglich, da jedes Bild einzigartig ist. 

 

Entschleunigung statt Bilderflut

Analoge Fotografie zwingt zur Ruhe. Kein Display, kein sofortiges Ergebnis. Stattdessen fordert es auf zu warten, entwickeln und sich überraschen zu lassen. Dieser Prozess steht im starken Kontrast zur schnellen, digitalen Bilderflut. Für viele ist genau das der Reiz – Fotografie wird wieder zu einem Erlebnis und erhält echten Wert, ob ein Bild gelingt oder scheitert. Ich selbst erlebe, dass das Erstellen von solchen Fotografien mehr Geduld erfordert, doch genau das macht sie zu mehr als nur einem Klick auf einem Gerät. Während eine Digitale Kamera dreissig Fotos aus einem Blickwinkel machen kann, wählt man mit der analogen Kamera den einen richtigen Moment aus. Heisst, viel beobachten und Geduld zeigen.

 

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Nimm die Welt analog wahr. Quelle: Unsplash | Getty Images

Ein Look, den kein Filter ersetzt

Der typische «Filmlook» lässt sich zwar digital imitieren, aber nie vollständig kopieren. Körnung, Farbtiefe und kleine Unregelmässigkeiten entstehen nicht zufällig, sondern durch Chemie, Licht und Material. Jede Filmsorte erzählt ihre eigene Geschichte – sichtbar und spürbar. Aus diesem Grund schätze ich diese Fotografien mehr. Sie besitzen einen natürlichen Nostalgischen-Effekt.

Analog als Statement

Eine analoge Kamera ist heute mehr als ein Werkzeug. Sie ist ein Statement gegen ständige Verfügbarkeit und Perfektion. Wer analog fotografiert, entscheidet sich für Präsenz statt Perfektion. Besonders jüngere Generationen entdecken Filmkameras neu – nicht trotz, sondern wegen der digitalen Welt. Sie sind ein Symbol unserer Menschlichkeit, da sie Emotionen und Momente auf nostalgische Art mit einer gewissen Verletzlichkeit darstellen und sich, wie der Mensch selbst, ebenfalls durch einen Prozess entwickeln müssen.

 

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Statement für Fotografie. Quelle: Unsplash | _encadre_

Langsam, aber dafür neue Blickwinkel entdecken

Der Trend zur Analogfotografie ist kein Rückschritt, sondern eine Gegenbewegung. Er steht für Entschleunigung, Wertschätzung und Authentizität. Es ist eine Kunst, welche an unsere Menschlichkeit erinnert. Wie auch OG erwähnt: Filmfotografie wird dich verlangsamen und wenn es das tut, fängst du an Dinge anders wahrzunehmen. In einer Zeit, in der alles sofort verfügbar ist, gewinnt das Langsame wieder an Bedeutung – Bild für Bild.

 

Quelle Titelbild: Unsplash | Romain Dégrés

Kerem Sengül

Lernender Mediamatiker

Schon früh zeigte sich meine Leidenschaft für kreative Ausdrucksformen. Ob auf der Theaterbühne, beim Tanzen oder als Wasserratte – Bewegung und Ausdruck geben mir Energie und Freiheit. Design und Fashion sind für mich mehr als Ästhetik: Ich liebe es, mit Formen, Farben und Stilen zu spielen und Inspiration im Alltag zu finden. Begleitet werde ich dabei ständig von Musik, in der ich mich gerne verliere und die meine Kreativität antreibt.

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Greife zur Kunst

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